Süditalien

In Bari kommen wir dann tatsächlich als eines der letzten Fahrzeuge von Bord, aber das gesamte Ausschiffen hat gerade einmal 30 Minuten gedauert. Dafür dauert es noch fast eine Stunde, bis wir den Lkw-Stau, das recht große Freihafengelände und die merkwürdige Verkehrsführung durch die Stadt hinter uns gebracht haben. Vor Mola di Bari kommen wir auf die Küstenstraße und müssen nun zuerst fürs Essen heute einkaufen. Na, was meint ihr, was soll es abends geben? Richtig! Nach vier Monaten Steakabstinenz gibt es heute Ochsensteaks mit frischer Pasta und der Abend wird mit einem guten Prosecco abgeschlossen. Übernachten tun wir auf einem schönen, großen Parkplatz über der Steilküste am Ortseingang von Polignano. Einziger Fehler des Platzes ist das riesengroße Verbotsschild für Reisemobile, aber inzwischen sind wir hartgesotten – das zählt im Winter nicht und somit übersehen wir die Tafel einfach, auch wenn wir direkt davor unser windgeschütztes Plätzchen finden. Wir spazieren durch den wirklich netten Ort, allerdings ist wie auch schon in Griechenland, nichts los – anders als in Hellas gibt es jedoch genug offene Restaurants, da merkt man, dass es den Italienern finanziell doch um einiges besser geht! Rauf mit der Pfanne auf den Herd – die Steaks sind super, die frische Pasta auch und mit dem Prosecco stoßen wir darauf an, dass wir nun bereits seit mehr als 25 Wochen auf Tour sind.

 

Eine ruhige und erholsame Nacht liegt hinter uns – mit Ausnahme einer dämlichen Alarmanlage, die gegen 5 Uhr nichts Besseres zu tun hat, als über 10 Minuten rumzunerven. Die Sonne scheint endlich wieder – uns dürstet nach Aktivität! Kathrin hat im Online-Reiseführer gelesen, dass ganz in der Nähe die Höhlen- und Grottenstadt Matera liegt, Weltkulturerbe der UNESCO seit 1933 und diesjährige Kulturhauptstadt Europas. Da müssen wir hin! Also geht es über Canversano (Chaos: Markt!!) weiter über Turi (Chaos: Markt!!) nach Sanmichelle und Giora (kein Chaos: Umgehungsstraße!!). Von hier fahren wir nach Santeramo (auch Umgehungsstraße!!) nach Matera (keine Umgehungsstraße: Große Baustelle und mitten durch die Stadt, etwas Chaos!) bis zum Stellplatz „Masseria del Pantaleone“, rund drei Kilometer südlich der Stadt gelegen und eigentlich ein kleiner Campingplatz – wird aber überall als Stellplatz angegeben. In Matera gibt es übrigens alle Möglichkeiten der mobilen Übernachtung – vom kostenlosen Großparkplatz über einen weiteren gebührenpflichtigen Stellplatz mehr am Stadtrand gelegen bis hin zu mehreren Agrituristica-Plätzen in der näheren und weiteren Umgebung. Wir wollen Ruhe außerhalb der Stadt und der Platz bietet neben einem Restaurant mit ländlicher Küche sogar einen kostenlosen Shuttle in die Stadt, also für uns perfekt. Wir bekommen sogar noch Unterhaltung geboten, denn auch ein Reiterhof gehört zu der Masseria (Bauernhof) und an diesem Wochenende findet dort ein Schaufahren der Einspänner statt – sehr elegant und sehenswert!

 

Wir fahren mit dem Shuttlebus in die Stadt, kehren bei der Tourist-Information ein, bekommen dort einen Stadtplan und Informationen, wie man die Stadt am besten zu Fuß erkundet. Dann ist wie schon so oft auf dieser Tour Staunen angesagt. Wir sind ja ehrlich: Noch nie von diesem Ort gehört, geschweige denn gewusst, was für ein Kleinod sich hier befindet! Vor allem zwei Stadtviertel bestehen fast ausschließlich aus Grotten- oder Höhlenwohnungen. Die Bewohner dieser Behausungen wurden in den 50-er Jahren von der Regierung umgesiedelt – angeblich wegen gesundheitsgefährdender Zustände, also Feuchtigkeit, Schimmelbildung u.ä. Inzwischen sind die Häuser und Wohnungen liebevoll restauriert und dienen als Läden, Restaurants oder Ferienwohnungen. Fast drei Stunden laufen wir durch die Stadt, bis unsere Rücken sich bemerkbar machen. Wir kaufen noch ein „Materabrot“, eine lokale Spezialität mit ganz besonderer Form. Gleich hier angemerkt: Die Form mag ja besonders sein, der Geschmack ist es jedenfalls nicht! Nach einem Cappuccino, mit dem wir die Wartezeit bis zum Shuttle überbrücken und unsere Rücken besänftigen, geht es zufrieden wieder zurück zum Stellplatz. Nein, so sollte es sein, aber als wir bereits 30 Minuten auf den Shuttle gewartet haben, machen wir uns schließlich zu Fuß auf den Weg zurück. Erst nachdem wir rund ein Viertel der Strecke zurückgelegt haben, kommt uns der Shuttle entgegen: Der Fahrer hat sich bei der „Pferde-Gala“ festgeguckt und entschuldigt sich nun tausendmal. Schließlich sind wir fast die einzigen Gäste und da hätte er uns fast vergessen – ok, akzeptiert!

 

Nachdem wir abends festgestellt haben, dass wir fast nicht mehr durch die Scheiben gucken können, mache ich mich heute früh ans Werk: Der Salzsprühnebel von der Fähre und der letzten Nacht an der windigen Steilküste muss von den Scheiben runter! Am Mittag fahren wir erneut mit dem Shuttle in die Stadt, besichtigen die Burg (mal wieder wegen Bauarbeiten geschlossen!), das Kloster (von außen) und laufen auf anderen Wegen durch die eindrucksvolle Stadt. Nach einer erneuten Aufwärmpause mit Cappuccino (der Wind ist heute ganz schön frisch, besonders wenn er durch die Gassen der Altstadt pfeift!) kommt der Shuttle heute absolut pünktlich und so sind wir kurz vor Sonnenuntergang wieder zu Hause. Eigentlich wollten wir heute hier essen, aber die Restaurants öffnen in Süditalien derart spät (in der Regel zwischen 20.00 – 20.30 Uhr!), dass das für uns nicht mehr in Frage kommt. Im Sommer verstehen wir solche Zeiten ja noch, denn da ist es vorher viel zu warm, um lecker zu essen, aber jetzt? Da ist man gegen 22 Uhr mit dem Menü durch und wann verdaut man dann die Köstlichkeiten? Nee, nee, nachts wollen wir gerne schlafen und uns nicht von einer auf die andere Seite wälzen!

 

Nun geht es auf der SS7 nach Tarent und weiter auf der SS7ter über Manduria und Lecce auf die SP364 und zurück ans Meer, das wir bei San Cataldo erreichen. Kaum sind wir auf der Küstenstraße, schon wird es voll, richtig voll! Wir haben ganz vergessen, dass ja heute Sonntag ist und da fährt auch der Italiener gerne ans Meer um zu schauen, ob es noch da ist – okay, und um auf der imposanten Steilküste spazieren zu gehen, in den Badeorten zu promenieren, sich zu zeigen… Kurz gesagt: Es gibt in den Orten und auch teilweise außerhalb auf den Parkplätzen keinen freien Abstellplatz mehr und so stehen wir uns durch San Foca. Hier gibt es nach dem gestrigen stürmischen Tag und dem schönen Wetter heute zusätzlich noch eine Menge Surfer, die ihre Bretter nass machen wollen. Auch Roca Veccia platzt aus allen Nähten, also fahren wir weiter bis Torre dell‘ Orso. Hier haben wir Glück und finden in der Ecke des ersten Parkplatzes am Ortseingang eine Lücke für Exe, da gerade in dem Moment ein Pkw weg fährt. Hier stehen wir gut, auf einer Seite sogar mit Natur, und stören nicht das Chaos um uns herum. Wir spazieren auf der Promenade am Kliff entlang durch den kleinen Ort bis zum Strand. Es tobt der Bär! Alles zugeparkt, hunderte Menschen, dutzende Motorräder und alle rausgeputzt bis zum „Gehtnichtmehr“: Sehen und gesehen werden!! Mehr gibt es auch nicht – im ganzen Ort ist gerade eine Cafeteria geöffnet, alles andere ist geschlossen und verrammelt, und so hoffen wir auf einen ruhigen Abend und werden nicht enttäuscht: Nach dem Sonnenuntergang um 17 Uhr dauert es exakt zwei Stunden und wir stehen zusammen mit einem anderen Wohnmobil alleine auf dem Parkplatz. Der Ort ist leer und obgleich wir mit dem „Hintern“ direkt an der Straße stehen, wird es eine sehr ruhige Nacht!

Nachdem uns morgens das einzige kleine Gewitter im gesamten Mittelmeerraum geweckt hat (das kommt komischerweise bei uns öfter vor – schlechtes Karma?), lassen wir es heute ruhig angehen und kümmern uns erst einmal um die kleinen Arbeiten des Reisenden, also Tagebuch, Blog und Emails. Gegen Mittag fahren wir los – das Wetter hat sich mehr als nur beruhigt: Der Wind ist weg, der Himmel ist blau und bei 18°C ist es schon wirklich frühlingshaft mild. Der erste Zwischenhalt erfolgt heute in Otranto. Wir spazieren am Hafen entlang und durch die sehenswerte Altstadt – schön ist es hier, sehr nett, nur sind am Montagmittag wirklich alle Läden zu und wir fühlen uns in den Altstadtgassen schon ein wenig einsam. Weiter geht es immer auf der extrem eindrucksvollen Küstenstraße nach Süden – wir sind fast alleine, die karge Landschaft, sehr steinig, erinnert an Nordschottland und überall Steilküste und Kliffs, an jeder Felsspitze über dem Meer steht ein „Torre“, zumeist als Ruine und Grotten, Grotten, Grotten. Mit Leuca erreichen wir die absolute Spitze des Stiefelabsatzes. Hier gibt es gleich zwei Kaps. Zum ersten Kap fahren wir verbotenerweise auf den Parkplatz der Wallfahrts(?)-Kathedrale, die direkt neben dem Leuchtturm steht. Das zweite Kap erreicht man über einen offiziellen Parkplatz. Die Befestigung der Kette vor dem Fußweg zu der am Kap gelegenen, vorgelagerten Grotte hat jemand etwas brutal samt Betonfundament „entfernt“ und prompt hat sich ein California daran vorbei gemogelt und steht nun frech neben dem Fußweg. Tisch und Stühle sind natürlich direkt an der Steilkante aufgebaut und Oma und Opa haben Mittagspause. Es ist zwar Winter und alle sind sehr tolerant, aber wir finden, rücksichtsvoll geht anders. Noch darf man offiziell auf dem dazugehörigen Parkplatz stehen – wie lange noch? Es geht dann für uns noch „kurz um die Ecke“ und wir stehen auf einem Strandparkplatz in San Maria di Leuca, wie immer direkt am Meer. Etwas später gesellt sich noch eine junge Familie mit ihrem Bulli zu uns, ansonsten ist Ruhe und Idyll angesagt.

 

Heute geht es nach Gallipoli, hier sieht es mit Stellplätzen nicht so gut aus, außerdem meint die Bordbatterie, sie könnte ein wenig Ladung vertragen, duschen müssen wir auch und im Wassertank befindet sich im Moment vor allem ziemlich viel Luft. Hinzu kommt, dass wir vor ein paar Wochen in der NDR-Mediathek eine Doku mit dem Titel „Überwinterer in Italien“ gesehen haben und das war genau hier auf dem Camping „La Masseria“. Neugierig sind wir ja gar nicht, besonders weil der Platz über den grünen Klee gelobt wurde. Am späten Mittag kommen wir an und der Platzwart (selbstverständlich ist gerade Siesta!) weist uns ausgerechnet ein „schattiges Plätzchen“ zu – meine Kathrin ist „überglücklich“! Heute ist das aber eigentlich schietegal, denn die Sonne ist seit einiger Zeit nur noch als milchige Scheibe zu sehen und es soll stürmisch werden. Windgeschützt ist es hier ja im „Wäldchen“. Ok, wir schauen uns zuerst einmal in Ruhe den Platz an. Die deutsche „Überwinterungscommunity“ steht natürlich nicht im Wäldchen, sondern vorne an der Strandstraße im neuen Platzteil, der bisher nur frisch angepflanztes Gehölz zu bieten hat. Wahrscheinlich muss man sich dort um einen Platz bewerben, außer Sonne (wenn sie denn scheint) hat dieses „deutsche Dorf“ allerdings nix zu bieten – weit ab von Klo und Dusche, dafür dicht an der gut befahrenen Straße. Apropos Klo und Dusche: Die Waschräume sind tatsächlich nagelneu und pikobello in Schuss, da kann man nicht meckern und wir sind ja dank des letzten halben Jahres sowieso überhaupt nicht mehr verwöhnt! Pizzeria und Weincantina befinden sich direkt neben dem Platz. Die Leistungen sind ok, die Preise eigentlich im Winter auch: Kurzzeitnutzer wie wir zahlen 20 € pro Tag inklusive Strom, Dusche und Shuttlebus in die Stadt. Überwinterer zahlen für die gleichen Leistungen nur 10 € pro Tag, da kommt Griechenland nicht mit!

Am nächsten Tag geht es zuerst zum Wochenmarkt, der immer am Mittwoch stattfindet. Den Überwinterern zuliebe fährt der Shuttle an diesem Tag nicht in die Altstadt, sondern eben zu dem in einem Vorort gelegenen Marktgelände – und wir natürlich auch. Leider ist der Markt im Winter nicht einmal zur Hälfte besetzt und das Obst und Gemüseangebot zeigt, dass auch der Süditaliener langsam auf die neue Ernte wartet. So sind wir ganz entgegen unserer sonstigen Gewohnheit bereits eine Stunde später zusammen mit sechs gut gelaunten und verquasselten norditalienischen Überwinterern wieder im Shuttle auf dem Rückweg – komisch: Nicht ein einziger Deutscher ist dabei, aber – ach ja! Die haben ja alle Roller oder Autos dabei! Bis zum Nachmittag vertreiben wir uns die Zeit, denn inzwischen wissen wir ja, dass erst nach der Siesta ab 16 Uhr überhaupt mit Leben in den Städten zu rechnen ist. Dann mache ich die Räder klar und wir radeln die 5 km zur Altstadt, die auf einer Insel gelegen ist. Altstadtbesichtigung inklusive Castello erledigen wir gründlich: Wir gehen so ziemlich jede Gasse ab und dürfen dabei feststellen: Auch nach 16 Uhr ist hier leider noch alles zu und es sieht auch nicht so aus, als ob irgendetwas öffnen würde. Mit dem Essengehen haben wir hier unten wie bereits beschrieben sowieso ein Problem, denn wir essen normalerweise gegen 18 Uhr. Wir hatten gehofft, dass hier, in der Touristengegend, vielleicht irgendein Esstempel den nordischen Frühessgewohnheiten gegenüber eventuell eher positiv eingestellt ist. Trotzdem laufen wir anschließend noch die Hauptgeschäftsstraße, den (die?) Corso Roma, der Neustadt ab und dürfen dabei feststellen, dass am Mittwoch nachmittag die meisten Geschäfte sowieso zu haben. Mit Einbruch der Dämmerung sind wir wieder zurück, stellen die Räder ab und begeben uns zur kostenlosen, im Preis inbegriffenen Weinprobe der Cantina „Coppola“ (nein, ich habe nachgefragt – hat nichts mit dem Francis zu tun, der hat sein Gut im Nappa-Valley!), die zum Platz gehört – schließlich ist das hier „Agriturismo“! Zwei Weine dürfen wir verkosten – nichts Großes: Der im jungen Barrique ausgebaute Rote ist wie so häufig zu tanninhaltig und schmeckt nach Eichenholzspänen, aber der, der im alten und großen Holzfass gereift ist, lässt sich ganz problemlos trinken und davon nehmen wir zwei Flaschen der Jahrgänge 2013 und 2014 mit.

 

Heute ist blauer Himmel bei 16°C – das hebt die Stimmung ungemein! Es geht weiter an der Küste entlang über Porto Cesareo nach Tarento. Hier suchen wir einen französischen Auchan Supermarkt heim und das hat seinen Grund, den wir hier in einem Einschub erläutern wollen:

 

Wir mögen gerne Selters, also Wasser mit Kohlensäure, na ja, eigentlich ist das ja nur gelöstes Kohlendioxyd. Dazu haben wir zuhause und auch in der Exe einen Sodastream-Automaten, der mithilfe von CO2-Patronen höchst praktisch aus Leitungswasser eben Selters macht. Zuhause bedeutet das: Kein Kästen schleppen und das deutsche Trinkwasser ist nachgewiesenermaßen sowieso besser als gekauftes Mineralwasser. Das ist aber auch unterwegs sehr praktisch, denn wenn wir sehen, was andere Mobilisten an Wasserflaschen mit sich rumschleppen, dann hätten wir allein schon platztechnisch mit unserem Kompaktmobil ein echtes Problem, vom Schleppen mal ganz abgesehen. Jetzt sehe ich schon die besorgten Gesichter der Leser: Wasserqualität im Frischwassertank, Wasserqualität in südlichen Ländern, Chlorgehalt, Wasserqualität überhaupt… Abgesehen davon, dass wir erfolgreich mit diesem System seit mehr als 20 Jahren überall in der Welt unterwegs sind, also z. B. von Mexico über Russland und Spanien bis Georgien unser Selterswasser ohne Krankheitsausbrüche zubereitet haben, gehören bei uns (beim Flieger würde man das vielleicht „redundante Systeme“ nennen) mehrere Sicherheitsvorkehrungen zum Wasserfassen:

  • ein Aktivkohlefilter mit Keramik im Befüllschlauch
  • Silbernetzkugeln in den Tanks (wir haben zwei Wassertanks)
  • ein hochwirksamer Seagull-Filter aus dem Yachtzubehör
  • die CO2-Beimengung liefert ebenfalls eine gewisse Desinfektionswirkung
  • regelmäßige Reinigung der Tanks und Leitungen sowieso

Danach ist an Geschmack und Reinheit des bordeigenen Wassers nichts mehr auszusetzen.

 

Einschub beendet. Zurück zu „Auchan“. Wir haben zu Tourbeginn alle CO2-Patronen mitgenommen, die wir hatten, das waren vier Stück. Die haben von Mitte August bis zum Ende des Jahres gehalten, dann war Schluss und von da an gab‘s eben nur noch ungesprudeltes Wasser aus der Leitung. Fanden wir aber nicht so toll und so haben wir uns, wie auch schon vor der Tour geplant, auf die Suche nach Ersatzpatronen gemacht. In Griechenland sind wir damit grandios gescheitert, aber in Italien haben wir früher schon einmal, damals in der Toskana bei „Esselunga“, Glück gehabt, also versuchen wir es jetzt wieder. Nachdem wir bereits bei zwei anderen Märkten (Ipercoop und Famila) erfolglos waren, haben wir im Internet gesucht und bei Sodastream tatsächlich eine Liste mit Verkaufsstellen gefunden. Dazu gehört eben auch „Auchan“, deshalb fahren wir also da hin! Kaufen tun wir dann lediglich eine Kerze und einen „BIB“ (Bag in Box) Wein, denn zu unserer großen Enttäuschung erklärt man uns in der Information, der Verkauf von Sodastream wäre eingestellt worden. Nun regt sich unser Ehrgeiz – morgen werden wir es weiterversuchen! Für heute geht es auf der im Moment vierspurigen SS 106 noch 70 km weiter bis Policoro-Süd. Von hier aus fahren wir über kleine, hauptsächlich landwirtschaftlich genutzte Nebenstraßen zum Strandparkplatz am Bosco Pantano Sottano an einer WWF-Station zum Schutz der Meeresschildkröten, die hier am Strand ihre Eier ablegen. Außer uns steht noch ein Hymer aus Belgien auf dem Platz, sonst sind nur ein paar Angler und Spaziergänger da – abends noch eine Reihe WWF-ler, haben scheinbar ein Meeting oder sowas.

 

Wieder liegt eine traumhaft ruhige Nacht auf einem schönen Plätzchen hinter uns. Also voller Tatendrang rauf auf die SS 106 mit zwei Zielen: Eine Verkaufsstelle für CO2-Patronen finden und Strecke machen, sonst kommen wir ja gar nicht mehr nach Sizilien. Erster Versuch für heute sind die zwei angegebenen Verkaufsstellen in Corigliano – leider sind die Adressen in der Liste nie vollständig – es fehlt grundsätzlich die Hausnummer und so eine Straße kann ganz schön lang sein! Lieschen lotst uns quer durch die Stadt, wir stehen in Staus, kommen an Engstellen kaum durch, finden keinen Parkplatz, um abseits der Straße zu suchen und landen einmal sogar mitten in einem Wohngebiet. Das war also nichts, weiter geht es nach Rossano. Die Straße finden wir, den Laden gibt es aber scheinbar nicht. Nun geht es über Crotone nach Catanzaro. Hier soll es einen „Mediaworld“-Laden geben, dessen Lagemarkierung auf der Googlemap ist aber derart ungenau, dass es eine Weile dauert, bis wir herausfinden, dass der Laden in einem großen Einkaufszentrum versteckt ist, an dem wir bereits zweimal vorbei gefahren sind. Als wir ihn schließlich glücklich entern, kommt die erschütternde Auskunft, dass es sich um ein „Sommerprodukt“ handeln würde und das gibt es erst ab März – so lange wollen wir aber nicht warten! Entmutigt  besteigen wir Exe und können wenigstens günstig an der Tankstelle des Einkaufszentrums volltanken. Exe hat rekordverdächtige 10,8 l/100 km verbraucht – nicht schlecht für einen 4X4! Während des Tankens befragt Kathrin noch einmal ihr Handy und stellt fest, dass es in dem Zentrum noch eine zweite Verkaufsstelle geben soll – in einem Baumarkt namens „Bricofer“. Googlemap zeigt uns, wo das sein soll und ein paar Minuten später stehen wir in dem Laden und trauen unseren Sinnen nicht, denn die Verkäuferin strahlt uns an und sagt: „Of course – how many would you like?“ Wir tauschen unsere vier leeren Patronen gegen volle und sind überglücklich, aber auch stolz, denn unsere Ausdauer und Sturheit hat wieder einmal gesiegt! Sieben Kilometer weiter verbringen wir die Nacht auf einem Strandparkplatz in Villagio Le Roccelle. Nett, aber wieder einmal völlig verdreckt und vermüllt – schade!

 

Nach einem Erkundungsspaziergang am Strand entlang, an dem es leider nicht anders aussieht als an unserem Übernachtungsplatz, fahren wir am nächsten Morgen über Soverato, Siderno und Bovalino auf den Parkplatz an der langen Strandstraße in Ferruzzano. Die Polizei toleriert hier das Stehen während des ganzen Jahres, solange man sich auf den Grünstreifen neben der Straße stellt. Es gibt Wasser und eine Entsorgung fürs Klo, alles kostenfrei. Logisch, dass hier eine Reihe von Überwinterern steht. Es gibt aber so viel Platz, dass das kaum auffällt. Es fällt jedoch schwer, sich vorzustellen, dass es hier ruhig sein soll: Erst der Strand, dann die Strandstraße, dann die Camper, dann die Eisenbahn und schließlich noch die Staatsstraße – kann das gut gehen? Ja, geht, denn der Bahndamm sorgt für die Geräuschdämmung des Straßenlärms und die Bahn (nur Lokalzüge) fährt nachts nicht. Leider ist die Pizzeria, die sich hier befindet, geschlossen. Als am Nachmittag Aktivität einsetzt, fragen wir unsere Nachbarn, die schon länger hier stehen, ob vielleicht am Wochenende geöffnet sei, aber im Winter gibt es nur Catering oder „geschlossene Gesellschaft“. An den zwei Tagen, an denen wir hier bleiben, wird am ersten Abend nur gecatert – also Ruhe an der Straße. Am zweiten Abend wird dann gegen 16 Uhr ein Riesenbackwerk in der Form einer Hochzeitstorte mit mehreren Stockwerken und einer „18“ an der Spitze geliefert, also „Volljährigkeitsgeburtstagsfeier“! Wir denken an unsere eigene Vergangenheit und befürchten das Schlimmste, besonders, weil hier ja alles immer so spät anfängt! Ab 19.30 Uhr kommen die Gäste, einer nach dem anderen, bis gegen 21 Uhr (plus Nachzügler!) mindestens 50 Autos, die entweder dort stehen oder die Kinder abgeliefert haben. Aber wir können kaum fassen, wie diszipliniert alles abläuft: Zwischen den Gängen werden lautsprecherverstärkte Reden gehalten und nach dem Essen gibt es die üblichen neckischen „Showeinlagen“. Da werden unschuldige Menschenkinder gezwungen, Karaoke zu singen (wer hat eigentlich behauptet, alle Italiener seien musikalisch?), außerdem gibt es Spielchen – wir tippen unter anderem auf die „Reise nach Jerusalem“, weil „Musik an, Musik aus, Musik an, Musik…“. Schließlich beschließen wir zu schlafen und das gelingt sogar problemlos, denn auch der „Rückzug“ erfolgt derart diszipliniert und geräuscharm, dass wir der Meinung sind, davon könnten sich unsere heimischen Jugendlichen gern eine Scheibe abschneiden!

 

Nun geht es mit Ausnahme eines Einkaufs nur noch auf der SS 106 nach Süden. Kurz vor Reggio di Calabria fahren wir auf die Autobahn und um 12.30 Uhr stehen wir am Fähranleger von Blue Ferry und die Fähre ist – wie es Murphis Gesetz so vorsieht! –genau zwei Minuten vorher abgefahren. So habe ich Zeit, in Ruhe die Tickets zu kaufen (46 €) und eine runde Stunde später sind wir auf dem Wasser und schwimmen nach Sizilien.