Georgien Teil 3

Morgens nutzen wir noch das WiFi-Angebot des Parks und stellen einige Blogbeiträge online, dann geht es gegen Mittag weiter und zurück nach Kutaisi. Wir müssen wieder in den Stadtkern, finden heute zwar die richtige Straße hinaus, leider ist die aber wegen Bauarbeiten komplett gesperrt und Umleitungsempfehlungen braucht hier scheinbar kein Mensch. Dank Kathrin und Navi schaffen wir es schließlich auf die Straße nach Gelati und einen kleinen Supermarkt (?) mit angeschlossener Bäckerei finden wir auch. Die gefüllten Backwaren sind, egal wie sie aussehen und was sie enthalten, immer ein Tipp – erst recht, wenn sie wie hier frisch aus dem Ofen kommen und noch warm sind. Allerdings hat man dann auch eine komplette Mahlzeit hinter sich – „klein“ können die Georgier nicht so gut, wenn es um Essen und Trinken geht, schließlich hat ein ordentlicher ChaCha auch mindestens 6 cl! Dann geht es zu einer der Hauptsehenswürdigkeiten Georgiens, der Akademie Gelati. Leider ist die gesamte Akademie zur Zeit eine Riesenbaustelle, aber das Innere der Muttergotteskirche ist davon nicht betroffen und sehr sehenswert.

Wir sind nun bereits seit neun Tagen in Georgien und vielleicht ist es jetzt einmal an der Zeit, ein paar Worte des allgemeinen Eindrucks, den Land und Leute auf uns machen, zu verlieren. Wir hätten z.B. nicht gedacht, dass die sowjetische Vergangenheit noch so stark zu spüren ist. Das gilt für die Gebäude, hier natürlich besonders die öffentlichen Gebäude der Verwaltung und Schulen, ebenso wie für die Fahrzeuge – je stärker man nach Osten kommt, um so mehr russische Pkw und Lkw sieht man auf den Straßen. Auch der materialverschlingende Unsinn, die Wasserleitungen in 3 m Höhe zu verlegen – auf beiden Seiten der Dorfstraße sozusagen auf Stelzen – ist im Osten Georgiens noch weit verbreitet. Bei jeder Hofeinfahrt muss die Leitung auf 4 m und mehr angehoben werden und die „Stelzen“, die alle 5 m gesetzt werden müssen, bestehen ebenfalls aus Rohrleitung – dabei geht eine Menge Eisen drauf! Die „Supermärkte“ auf dem Land sind russisch organisiert: Innerhalb des Ladens gibt es für jeden Teilbereich eine eigene Verkäuferin mit eigener Abrechnung, so als würde man beim Bäcker, Metzger oder Spirituosenhändler einzeln kaufen. In den größeren Orten setzt sich aber gerade der europäische Stil durch. Nicht vergessen darf man natürlich die Sprache. Praktisch alle Georgier über 40 sprechen, wenn sie denn eine Fremdsprache beherschen, Russisch. Die jungen Leute allerdings sind eher auf Englisch festgelegt – ist ja auch kein Wunder! Für uns gaaanz wichtig: Sie können kochen, die Georgier! Es hat uns bisher überall geschmeckt – nein, es war überall sehr, sehr gut! Zum Wein: Der georgische Weißwein ist sehr gewöhnungsbedürftig, aber die trockenen wie habtrockenen Rotweine sind überraschend gut.

Da wir keine Lust haben, ein drittes Mal nach Kutaisi zurückzufahren, zuckeln wir auf der SH 17, dann auf der SH 19 durch die hiesige Bergwelt, die uns hier oft an die Alpilles in Südfrankreich, besonders bei Les Beaux, erinnert, an das Tkibuli-Reservoir. Hier fahren wir auf einer kleinen Piste an den Uferbereich und finden so unseren Stellplatz für heute. Außer ein paar Anglern und einigen Jugendlichen, die mit ihren alten Autos in einiger Entfernung driften und Staub aufwirbeln üben, ist nichts los und die Nacht ist schon fast unheimlich still. Am nächsten Morgen geht es auf der SH 19 weiter nach Terjola und auf die Autobahn in Richtung Tbilisi, die allerdings kurz darauf endet und als 2-spurige SH 1 durch die Berge und den Rikoti-Tunnel, der übrigens inzwischen, anders als überall geschildert, mautfrei ist, nach Kashuri führt. Kurz darauf wird sie wieder nagelneue Autobahn und verläuft über Gori (Stalins Geburtsort!) nach Tbilisi.

Zwei neue Stellplatztipps haben wir bekommen: Khatunas Bekannte empfiehlt den Vake-Park, da er relativ zentrumsnah liegt und für einigermaßen „Lauffitte“ zu Fuß selbst die Altstadt erreichen lässt und das „Opera-Rooms and Hostel“, das fast genau gegenüber der Oper (wer hätte das bei dem Namen gedacht!) in der Shota Rustaveli Ave. liegt – innenstadtnäher geht nicht. Dessen Besitzer hatte ich vorgestern angeschrieben und die Zusage erhalten, dass wir im Hinterhof stehen dürfen. Also probieren wir das zuerst. Hinein in die Großstadt, durch das Gewühl, einige Staus und völlig unverständliche Totalsperrungen der Polizei hindurch zum Hostel, das uns Lieschen durch Eingabe der Koordinaten anzeigt. Wir schleichen die Avenue entlang, halten den Verkehr auf, finden aber nichts. Also am Liberty Place einmal um den Pudding fahren und auf der Gegenspur zurück. Wieder den Verkehr aufhalten und das Hupkonzert aushalten (gilt das uns? Nein, kann gar nicht sein!), wieder nichts finden, was nun? Später kommen wir zu Fuß an der Adresse vorbei, finden auch hier zuerst nichts. An der Tür stehen uns bekannte Firmenschilder wie das der „Hamburger Hafenagentur“ und einer „Gesellschaft für wirtschaftliche Zusammenarbeit“ (allerdings nicht der GIZ), aber sonst? Erst, als wir das renovierungsbedürftige Treppenhaus betreten, fällt uns ein in Prospekthülle DIN-A4 eingetütetes Blatt Papier auf, auf dem steht: „Hostel, 3. Etage“. Wir schauen uns den Hinterhof an: Eine Baustelle oder deren Abstellplatz, wer weiß das schon so genau? Die Architektur des Hofes bewirkt zusätzlich, dass der infernalische Straßenlärm der Avenue noch verstärkt wird. Hier hätten wir mit Sicherheit kein Auge zubekommen! Den Vake-Park findet man leichter, allerdings lotst uns Lieschen an den Fußgängereingang des Parks, der umgeben ist von Restaurants, Cafés und Geschäften und die Parkplätze dort sind heiß umkämpft. Kathrin springt aus dem Wagen (wir haben inzwischen die georgische Rundumsorglosparkerlaubnispraxis übernommen: Halten, wo man will und Warnblinkanlage an – funktioniert und sogar die vorbeifahrende Polizei lässt einen in Ruhe!) und fragt den Parkwächter. Der deutet auf das Parkplatzsuchchaos und empfiehlt den Großparkplatz des nahegelegenen Stadions. Das Stadion finden wir, aber wo sind die Parkplätze? Hinter dem Stadion kann man abbiegen und plötzlich finden wir uns in einer kleinen und vor allem ruhigen Straße wieder, die bergauf zum ethnologischen Museum und mitten hinein in den Vake-Park führt – warum nicht gleich so? Kleine Straßen führen durch den unteren Teil, der Siegespark genannt wird, und einer davon folgen wir. Rund 50 m vor einer riesigen Frauenstatue, die für/gegen (?) den Krieg irgendetwas symbolisieren soll, finden wir einen Parkplatz für Exe mit atemberaubender Aussicht, vor allem nachts, über die Stadt. Das ist es, von hier aus machen wir Tbilisi unsicher!

Die Neustadt ist zu Fuß 45 Minuten entfernt, die besuchen wir zuerst. Man kommt an der Uni vorbei – hier sieht man fast mit jedem Meter, wie der IQ der Bevölkerung zunimmt. Buchhändler (ja, Buchhändler! Nix Amazon, nix Kindl!), auch Secondhandbuchhändler, Buchhändler mit Handkarren, Bücher auf Treppen drappiert, Bücher auf Decken auf dem Bürgersteig, Bücher, Bücher… und jede Menge junger Leute, die sich dafür interessieren – herrlich!! Dann folgen die üblichen, städtischen Geschäfte, Malls usw., bevor man an Theatern, der Oper (!), National- und Kunstmuseum, dem ehemaligen Parlamentsgebäude und anderen representativen Gebäuden vorbei zum Liberty Place oder auch Friedensplatz mit dem alten Rathaus kommt.

Die Altstadt beginnt hinter dem Liberty Place und die Kote Afkhazi Street trennt unteres und oberes Kala, also die obere von der unteren Altstadt. Oben und unten bezieht sich in diesem Fall auf den Flusslauf, nicht auf die Höhe. Mehr erfahrt ihr aus den üblichen Reiseführern. Wir genießen die architektonischen Blüten der Neuzeit, vor allem die futuristische Friedensbrücke, von den Georgiern wegen ihres Aussehens „Pampers“ genannt, und die zwar touristisch aufgemotzten, aber trotzdem gemütlichen Altstadtgassen. Wir essen sehr gut im Restaurant Pastorali Kalbscasserole mit Tomatensoße, gebackenes Rind mit Kartoffeln in einer scharfen Soße sowie Auberginen in Knoblauch. Der Rückweg ist allerdings jedes Mal eine Tortur, sozusagen der Preis für die Aussicht und die nächtliche Ruhe am Stellplatz: 360 Stufen bergan aus dem Park bis hoch zur Statue – mit vollem Bauch nicht gerade ein Genuss!

Eigentlich hatten wir ja noch vor, die Deutsche Schule hier heimzusuchen, aber nun ist Wochenende, was sollen wir durch die halbe Stadt meandern, um letztendlich vor einem geschlossenen Gebäude zu stehen? So verlassen wir, nachdem wir das für uns Wichtigste gesehen haben (wir mögen nunmal keine Großstadt, ist so und können/wollen wir auch nicht ändern!) und abschließend noch zum ethnologischen Museum hochgefahren sind, Tbilisi auf dem gleichen Weg, den wir gekommen sind – nein, das wäre ja zu schön! Als wir denken, wir haben den größten Großstadtverkehr hinter uns, steht da schon wieder so ein blöder Polizeiwagen und sperrt die SH 1, echt, die wichtigste Straße nach Norden, und schickt uns weiter am Fluss entlang, natürlich ohne Empfehlung, wie es weiter gehen soll, warum auch!? Selbst Lieschen panikt (die topografische Karte enthält nicht alle Straßen der großen Städte, dafür jeden Fußweg in der Natur – eigentlich sehr symphatisch, finden wir, aber in Tbilisi leider nicht sehr hilfreich!) und so landen wir irgendwie auf dem linken Flussufer, werden durch Vorstadtviertel gelotst und befinden uns plötzlich am großen Wasserreservoir der Stadt – da wollten wir nun eigentlich wirklich nicht hin, aber nun wissen wir wenigstens wieder weiter. Wir folgen dem Ufer nach Osten und landen endlich, nach einer Stunde, auf der weiter nach Osten führenden SH 5, denn wir wollen als nächstes zum Höhlenkloster David Gareja. Also biegen wir kurz hinter Sagarejo auf die SH 172 nach Udabno ab. Die Straße beginnt durchwachsen und wird dann immer schlechter, das hatten wir ja nun auch schon öfter. Zuerst geht es durch Obst-, Wein- und Getreideanbau, dann wird die Landschaft immer karger und steppenartiger. Viele und große Herden, meistens Schafe, aber auch Rinder und Ziegen, sieht man in Straßennähe, aber auch in der Ferne entlang ziehen. Die Hirten sind meist zu Pferd, seltender zu Fuß und noch seltener im Lada Niva unterwegs. Fünf Kilometer vor Udabno beginnt ein nagelneuer Straßenabschnitt und nährt die leider vergebliche Hoffnung, dass von nun an alles besser wird. Udabno selbst ist lediglich eine Häuseransammlung, teilweise auch bereits touristisch mit Gästehäusern, Restaurants und einem Campingplatz, auf dem sogar ein Zelt steht. Die letzten12 km bis David Gareja haben es wieder in sich, wenn auch noch kein Allrad nötig ist: Eine total kaputte Asphalt- und Betonstraße mit 2 m breiten und tiefen Schlaglöchern. Die Fahrer haben daraus das beste gemacht und einfach neben der alten Fahrbahn eine alternative Trasse aufgemacht – diese führt nebenan durchs Gelände – wie war das nochmal? Wege entstehen beim Gehen! Genau! Und Piste ist fast immer besser als schlechtester Belag! Also ab auf die Trasse und das Fahren wird einfacher – jedenfalls solange, wie es noch nicht regnet, denn es dräut schon länger am Himmel! Die letzten 4 km schließlich sind einfach Piste, gut zu fahren, aber lehmig. Dann die Enttäuschung: Wieder alles im Bau und nur wenig zu besichtigen! Auf einer Hügelkuppe unter dem Kloster steht höchst exponiert ein 12 Tonnen-MAN Gelände-Expeditionsmobil aus der Schweiz. Liegestühle davor, Campingleben…unsensibel und nicht gerade die beste Werbung für uns Individualreisende, immerhin gilt das Kloster weiterhin als heiliger Ort und die Anzahl der Mönche nimmt gerade in den letzten Jahren stark zu!

Wir fahren zurück und stellen uns einige Kilometer vor der Einmündung in die SH 5 in eine von der Straße aus nur wenig einsehbare Mulde an einem Feldrand. Mein Fahrrad muss neu befestigt werden, die Rüttelei hat eine Befestigungsstange gelockert und wir hätten das Teil fast verloren! Am Abend umkurvt uns ein Lada Niva ein paarmal und wir fragen uns, ob wir dem Bauern ein Dorn im Auge sind, aber niemand kommt und beschwert sich. Am nächsten Morgen wissen wir, wer das war, denn nun kommt eine gewaltige Herde an uns vorbei mit mehreren Reitern, Packpferden und den berüchtigten Hütehunden, mit denen nicht zu spaßen ist, wenn man ihnen begegnet. Diese haben auch noch Stachelhalsbänder zum Schutz vor Wölfen – das hier ist kein Freizeitpark, das hier ist Ernst! Der Lada gehört dem Boss, der vor Ankunft der Herde das Gelände sondiert und nach dem Abzug noch einmal nachsieht, ob auch kein Tier verloren gegangen ist.

Wir fahren wieder auf die SH 5 und damit weiter nach Osten. Nach kurzer Zeit blinkt uns ein Fernfahrer ausdauernd von hinten an. Wir halten und er auch. Ich gehe an sein Fahrerhaus und er fragt, ob ich Russisch kann. Als das nicht klappt, steigt er aus und macht mir mit Zeigen und Gesten klar, dass beide Bremslichter nicht funktionieren, nur die mittlere obere Leuchte arbeitet. Wir bedanken uns – soviel zum Thema rücksichtslose LKW-Fahrer! – und fahren nun bedeutend vorsichtiger weiter. An einer Tankstelle halten wir – natürlich ist heute einer der wenigen Tage mit Sauwetter! – und ich werfe mich zuerst in den Overall und dann unter das Auto: Mein Gott, ist der Wagen eingesaut! Aber sonst ist nichts abgerissen oder fehlt, soviel man bei dem Dreck sehen kann. Genauso nass und verdreckt komme ich unter dem Auto wieder raus, wir checken noch alle Sicherungen, aber die Ursache haben wir nicht gefunden. Zum Glück biegen wir bald von der stark befahrenen Strecke ab und der Verkehr lässt nach. Das macht die Fahrerei ein wenig ungefährlicher. Kathrin entdeckt am Straßenrand einen Gemüsehändler und wir halten, um Tomaten und Paprika einzukaufen. Es ist Wochenende, man plaudert und als wir den Leuten das Gemüse entgegen strecken und bezahlen wollen, deutet man uns, wir sollten die Sachen nehmen, man möchte kein Geld von uns – und die Leutchen sehen nicht gerade danach aus, als hätten sie jede Menge davon übrig!? Wir fahren bis Ninigori, kurz vor der Grenze nach Azerbaijan und Dagestan und hier bis zum Eingang des Laghodaki Nationalparks. Der Weg endet allerdings in einem Wendehammer, von der angeblichen Rangerstation ist nichts zu sehen. Einen Stellplatz gibt es hier mit Sicherheit nicht und es regnet immer noch – hier können und wollen wir nicht bleiben.