Sizilien Teil 1

Knapp 50 Minuten brauchen wir für die Überfahrt – und zwar geht es nicht direkt nach Messina, sondern ein ganzes Stück weiter südlich zum Vorort Tremestieri. Das spart zwar nur ein paar Kilometer, dafür müssen wir uns aber nicht durch Messina wühlen – auch nicht schlecht! Wir fahren über einen abenteuerlichen, spiralförmig verlaufenden Zubringer mit fast komplett über die gesamte Fahrbahn verlaufenden, tiefen Schlaglöchern, was die großen Sattelzüge vor uns fast zur Verzweiflung bringt, hinauf zur SS 114. Anders als gedacht, sind wir so bereits knapp zwei Kilometer später an dem von uns erwählten Strandparkplatz von Mili Marina. Es ist nett hier, auch ruhig, aber rekordverdächtig vermüllt und die Zufahrt ist schon sehr „4×4-verdächtig“. Na gut, für eine Nacht ist das noch gerade ok, denn wir wollen uns im Reiseführer etwas gründlicher zum Thema Sizilien schlau machen und der Ausblick auf die Straße von Messina mit den ganzen Riesencontainerschiffen, Fähren und auf Reggio Calabria (vor allem nachts) ist schon toll und entschädigt für den Müll.

 

Die Nacht ist ruhig, bis auf eine klitzekleine Gewitterzelle genau über uns, die mit Blitz, Donner und einem heftigen Schauer stolz verkündet, dass sie die Ausreißer vom Festland wiedergefunden hat! Es geht weiter auf der SS 114 nach Süden und auf der bleiben wir auch. Wir fahren über Ali Terme und San Teresa nach Taormina nur durch enge und engste Städte. Hierbei dürfen wir die „Fahrkünste“ der italienischen Autofahrer und Autofahrerinnen erleben, Italien extrem sozusagen. Es kann uns keiner erzählen, dass hier wäre nur impulsives und emotionales südländisches Temperament. Nein, wir sagen es hier ganz deutlich: Das ist ganz einfach gedankenloses, teilweise auch bewusst asoziales Verhalten nach dem Motto „ich, ich, ich“! Unrechtsbewusstsein? Vorausschauend fahren? Nein, geht nicht – ich fahre mit meinem Fiat 500 in die letzte, verbleibende Lücke – soll der Bus doch sehen, wie er da durch kommt. Mehrfach – nein – oft! – passiert es uns, dass uns jemand brutal die Vorfahrt nimmt und anschließend einen Vogel oder Stinkefinger zeigt, wenn wir verzweifelt auf die Hupe drücken. Am schlechtesten erwischt es scheinbar Frauen – da ist die „Warteschleife“ schon eingebaut. Halt, nein: Wenn da im Auto eine aufgedonnerte „Schöne“ sitzt, dann mutiert die eingebaute „Warteschleife“ plötzlich in eine „eingebaute Vorfahrt“.

 

Wie schon in der entsprechenden Anekdote geschildert, sind die hiesigen Geschwindigkeitsschilder nur Empfehlungen, das kennen wir ja bereits aus anderen südlichen Ländern ausführlich. Hier kommen plötzlich weitere interessante „Tempoerlebnisse“ hinzu: Überholen in der Kurve mit 100 km/h, 50 km/h sind erlaubt und wir fahren 80 km/h. Anschließend plötzliches Bremsen und wir müssen uns vorsehen, dass wir nicht hinten drauf fahren. Nun eiert der Wagen mit 30 km/h vom Randstreifen bis über die Mittellinie hinaus. Wir befürchten Schlimmes: Herzattacke, Schlaganfall? Nein, ein plötzlicher Anruf lenkt den Fahrer oder die Fahrerin ab – „ich, ich, ich“, was der andere macht, ist mir doch egal! So betrachtet, kommt das ganze Gelaber über die sympathische und temperamentvolle Südländermentalität nicht mehr so wirklich rüber. Wie gesagt, chaotisches Fahren kennen wir aus vielen Ländern (siehe Georgien etc.), aber dann haben die Betroffenen nach bestandener Konfliktsituation wenigstens ein entschuldigendes Lächeln auf dem Gesicht! Ok, genug davon, sonst bekomme ich noch schlechte Laune!

 

Hinter Taormina biegen wir in Giardini Naxos Richtung Meer ab und stehen wenige Zeit später auf dem Stellplatz „Lagini Parking“. Da es immer wieder regnet und es auf dem sehr gepflegten Platz nicht nur eine Waschmaschine, sondern auch noch einen Trockner gibt, ist heute Waschtag. Der sehr freundliche und bemühte Platzwart druckt uns für morgen einen Busfahrplan aus, denn heute wird das nichts mehr. Abschließend schauen wir uns abends bei YouTube (stabiles Netz!) eine Doku über Migranten und Mafia in Sizilien an – eine Vorbereitung in alle Richtungen kann ja nicht schaden!

 

Ein neues Erlebnis für uns in Italien: Gut, dass wir früh dran sind, denn der Bus fährt fünf Minuten vor (!) der Zeit ab. Wir haben den ganzen Bus für uns allein, es steigt auch niemand zu, dafür aber der Busfahrer ordentlich aufs Gas und das auch auf der abschließenden Serpentinenstrecke hinauf in Taorminas Altstadt – Respekt, der kennt seinen Bus! Wir steigen an der Endstation aus und laufen die letzten 300 m hinauf in das Stadtzentrum. Der erste Besuch gilt dem griechischen Theater – 10 € Eintritt sind zwar etwas happig, lohnen sich aber unbedingt: Das Theater ist super erhalten bzw. restauriert und der Ausblick durch eine große Mauerlücke hinter der Bühne direkt auf den schneebedeckten, rauchenden Ätna ist einmalig. Anschließend flanieren wir durch die Altstadt – mit Kirchen haben wir es ja nicht so. Das ist alles ja sehr nett hier, aber in dieser Stadt „hängen bleiben“, wie es laut Reiseführer angeblich viele Touristen tun? Nee, die Gefahr besteht nun auch nicht unbedingt, vielleicht sind wir inzwischen auch einfach zu verwöhnt!? Wir setzen uns auf eine windgeschützte Piazza mit toller Aussicht auf die berühmte und „viel besungene wie fotografierte“ Isola Bella (Entschuldigung, wir sind scheinbar Banausen, denn davon hatten wir bis dato noch nichts gehört und das kleine Inselchen ist ja „modellbahnmäßig“ ganz romantisch, aber…?) in die Sonne und genießen das milde Klima. Normalerweise geht von hier oben eine Seilbahn runter zu dem berühmten Inselchen, aber die fährt nicht, ob wegen des Windes oder wegen der fehlenden Saison – macht auch nichts! Nachdem wir mit dem Bus wieder zurück in Giardini Naxos sind, erkunden wir auch diese Örtlichkeit und zwar mit dem Schwerpunkt „geöffnete Restaurants“ und das sieht ganz erfolgversprechend aus – vor allem, weil sich mindestens drei Lokalitäten damit brüsten, abends bereits um 18.30 oder sogar um 18.00 Uhr zu öffnen. Also nehmen wir noch einen Aperitif am Auto und machen uns dann in freudiger Erwartung auf in das von uns erwählte Etablissement. Es öffnet laut eigener Aussage um 18.30 Uhr, wir treten um 18.45 Uhr ein und erschrecken die „Besatzung“ zutiefst. Der Koch steht am Terrassenausgang, raucht, sieht uns an, zuckt zusammen und beginnt, verschiedene Namen zu rufen und uns dabei verlegen anzulächeln. Irgendwann kommt dann jemand in Jacke und Schal und bedeutet uns, doch Platz zu nehmen, die Küche würde sofort, also gleich, sozusagen um 19.30 Uhr (!) loslegen. Aber die „La Cambusa“ gefällt uns: Etwas edler, mit einer fantastischen Aussicht auf das nächtliche Taormina und (das wichtigste!) eine tolle Speisekarte! Wir genießen nach einer sizilianischen Vorspeisenplatte sizilianische Involtini und eine Trüffelpizza vom Feinsten, dazu eine Karaffe Hauswein – wir sind jedenfalls nach zwei Espressi extrem zufrieden. Als wir zu Hause ankommen, steckt am Türgriff eine Einladung zur morgen auf dem Stellplatz stattfindenden Valentinstagparty („Besteck mitbringen“), an der wir leider, leider nicht teilnehmen können, da wir dann schon wieder ganz woanders sind.

 

Nach einem großzügigen Rabatt (wirklich nett hier!) verlassen wir den Stellplatz wieder in Richtung Süden und weiter geht es auf der SS 114 durch Ort und Ort und Ort… und fahren schließlich kurz vor Acireale auf die Autobahn – da wollen wir nicht durch und durch Catania auch nicht! Dabei stellen wir fest, dass der Ätna heute aber ordentlich raucht, also wird ein Fotostopp an der ersten Raststätte fällig. Die Tangentiale um Catania führt irgendwann fast von selbst wieder auf die gute alte SS 114 und in einer Baustelle biegen wir wieder einmal zum Meer, dieses Mal nach Agnone Bagni, ab. Hier finden wir einen schönen, großen Parkplatz mit freier Aussicht auf den qualmenden Ätna – sensationell! Obwohl wir ja noch reichlich Zeit haben, wird immer klarer, dass auch die schönste und längste Tour irgendwann einmal zu Ende geht, denn heute buche ich die Fähre von Korsika aufs Festland nach Nizza für den 7. April – die Fähre zwischen Sardinien und Korsika verkehrt ähnlich häufig wie die nach Sizilien, die braucht man nun wirklich nicht zu buchen. Abends leeren wir eine Flasche Prosecco, denn wir sind heute exakt sechs Monate lang unterwegs.

 

Heute geht es nach Siracusa, genauer auf den Stellplatz „Ippocamper“, dessen großer Vorteil ist, einen Shuttleservice in die Stadt und zu den antiken Stätten anzubieten. Seine Lage ist etwas ungewöhnlich, denn er liegt direkt hinter einem großen Einkaufszentrum, was unser Navi  – und damit auch uns! – reichlich durcheinander bringt. Das gilt besonders, da das komplette Riesengebäude momentan geschlossen ist und renoviert wird. Es dauert ein wenig, bis wir mithilfe eines Securitymannes aus der Baustelle heraus und zum Stellplatz von Maria und Salvo hin gefunden haben – dabei soll auch helfen, habe ich irgendwo mal gehört, wenn man lesen kann! Da es wieder einmal schön sonnig und warm ist, nutzen wir diesen Umstand und frisieren uns gegenseitig, bevor wir uns schließlich gegen 16 Uhr von Salvo in die Altstadt chauffieren lassen. Die Altstadt „Ortigia“ liegt auf einer Insel und ist über eine Brücke mit der restlichen Stadt verbunden. Wir laufen kreuz und quer durch die Altstadtgassen, besichtigen den Apollotempel, den Artemisbrunnen und den furchtbar „barockesken“ Dom (sorry, wir mögen das einfach nicht!) und landen schließlich in einer netten Pastitio/Pizzeria mit Namen „Il Tempio“, wo wir uns durch das Angebot naschen, dazu noch einen Hauswein trinken und nicht einmal merken, dass inzwischen draußen ein kleines Unwetter durchzieht. Das finden wir erst heraus, als wir zu dem vereinbarten Treffpunkt mit Salvo wollen. Zum Glück hört es aber gerade auf und Maria und Salvo sind pünktlich zur Stelle. Überhaupt Maria und Salvo: Nettere Stellplatzbesitzer kann man sich kaum vorstellen, wirklich sehr herzlich und extrem engagiert!

 

Nach einem gemütlichen Wochenendfrühstück bei blauem Himmel geht es zusammen mit einem australisch-italienischen Straßenmusikerpärchen (Renette und Vincence = „Twin Circus“), die seit zwei Jahren in einem alten LMC-Alkoven durch Europa touren, im platzeigenen Ivecobus in die Stadt. Wir steigen an den antiken Stätten aus, während „Twin Circus“ zur Arbeit in die Altstadt fährt. Wir besichtigen das hervorragend erhaltene griechische Theater, dann laufen wir weiter zum römischen Amphitheater und den Steinbrüchen, wo das Material für die Bauwerke gewonnen wurde. Einer der Steinbrüche, 23 m hoch und recht gewaltig, hat einen nach oben spitz zulaufenden Eingang und heißt deshalb „Ohr des Dyonisos“. Die Akustik da drin ist enorm und wir haben Glück, dass wir am Sonnabend hier und keine Schulklassen anwesend sind, die ja solche Orte gerne für ausführliche Klangexperimente nutzen. Dann laufen wir noch einmal nach Ortigia hinunter, denn schließlich wollen wir hören, wie denn „Twin Circus“ so klingen und werden nicht enttäuscht – doch, die Zwei verstehen ihr Handwerk! Schließlich lassen wir uns nach Hause fahren und faulenzen den Rest des Tages in der Sonne.

 

Frühling liegt in der Luft! Wir zahlen bei Maria („Salvo schläft heute – es ist Sonntag!“), ent- und versorgen Exe und fahren über Floridia und Sortino zum nördlichen Wanderparkplatz an den 5000 Grabhöhlen von Pantalica, wieder ein UNESCO-Weltkulturerbe. Achtung: Es gibt hier keinen Parkplatz, die Straße endet am Eingangstor des Naturparks und man muss sehen, wie man entlang der Straße einen Parkplatz findet. Wir haben Glück, denn wir haben nicht bedacht, dass am Sonntag auch eine Reihe von Italienern den Park für Ausflüge und Picknick nutzt. Wir laufen hinunter in den Canyon und bewundern die Grabhöhlen aus der Bronzezeit und auch die schöne Natur, in der diese Grabstellen liegen. Dann wird es uns schlicht zu voll und wir verlassen den Parkplatz wieder in Richtung Sortino. Irgendwann gelingt es uns, auch wieder aus dem Ort raus zu kommen und die Straße nach Ferla zu erreichen. Hier stehen wir bereits am frühen Nachmittag auf einem Riesenparkplatz am örtlichen Friedhof und bummeln durch den sonntäglich, ruhigen – sagen wir ruhig: langweiligen – Ort. Bei der Planung für den nächsten Tag findet meine Kathrin noch einen viel besseren Stellplatz, und zwar am Eingang zum Naturreservat südlich von Cassaro. Also werfen wir Exe nochmal an und fahren in 30 Minuten zu dem sehr schön gelegenen Stellplatz mit toller Aussicht auf die umgebende Berglandschaft, einsam und extrem ruhig. Einziger Wermutstropfen und vielleicht auch der Grund, weshalb es wirklich so extrem ruhig hier ist: Direkt hinter dem Platz ist die Straße gesperrt. Auch wir können also morgen nicht einfach weiter fahren, sondern müssen wieder zurück, aber das ist es uns wert!