Georgien Teil 5

Nach einer ruhigen Nacht am rauschenden Fluss frühstücken wir gemütlich in der Sonne, dann klopft Gernot an und wir klönen über Stellplätze in der Türkei, Reisebekanntschaften – Probleme damit, über Hotspots, leistungsfähige Verstärkerantennen und…und…und. Während wir uns wieder einmal um Blog und Fotos kümmern, macht sich Gernot auf den Weg nach Armenien – das Wetter soll umschlagen und natürlich möchte er auch was von dem Land sehen. Kaum ist er weg, trauen wir unseren Augen nicht: Gegenüber parkt ein spanisches (baskisches) Wohnwagengespann (Bürstner und ziemlich tief liegender Mitsubishi Van) und wir kommen schnell ins Gespräch: Junges Ehepaar mit zwei Kindern, sie Lehrerin, er Sozialarbeiter (Arbeit mit schwer erziehbaren Jugendlichen), unterwegs seit April, aus Armenien kommend, als Ziel Südtürkei. Auf unsere Frage, wie man es anstellt, in so jungen Jahren so lange – und dann auch noch mit schulpflichtigen Kindern! – unterwegs zu sein, erzählen uns die Beiden, dass der Chef des Mannes der (sehr vernünftigen!) Meinung ist, dass bei einem solch anspruchsvollen und anstrengenden Job jeder Beschäftigte Anspruch auf eine Auszeit hätte. Sie ist in Elternzeit für die Zweijährige und als Lehrerin darf sie ihren Sechsjährigen beschulen – allerdings in engem Kontakt zur heimatlichen Schule. Ehe einer von euch auf die Idee kommt, es ihnen gleich zu tun und ebenfalls mit einem Wohnwagen zu fahren: Es wurden nur die großen Hauptstraßen gefahren – alle Abstecher eben solo mit dem Pkw, was viele Extrakilometer verursacht hat. Trotzdem haben Pkw und vor allem die Möbel des Wohnwagens schwer gelitten – dafür ist der einfach nicht gebaut! Wegen der „Nichtautarkie“ mussten sie bei Guesthouses und Hotels anfragen, allein schon, um regelmäßig Strom zu bekommen und ihre Lage wurde dabei häufig ausgenutzt: 20 Euro für eine Nacht Strom grenzt schon an Wucher! Wasserbeschaffung und Abwasser waren – besonders mit zwei Kindern – ebenfalls ein größeres Problem. Nun waren sich alle in der Familie einig: Nach der Südtürkei – die Kinder sollten noch einmal richtig Strandleben haben – muss es nach Hause gehen, genug ist genug.

Wir beschließen wegen des fantastischen Wetters und des tollen Stellplatzes noch einen weiteren Tag anzuhängen und die weitere Planung unserer Tour in Angriff zu nehmen. Als wir Gernot, der ja schließlich in der Südtürkei wohnt, unsere Fährprobleme „Türkei – Griechenland“ schilderten, kam er auf die Idee, es doch über Zypern zu versuchen. Nach weiteren Recherchen stellt sich heraus, dass auch diese Idee flachfällt – zwar kommt man von der Türkei nach Zypern, auch die innerzyprische Grenze ist heute kein Problem mehr, aber es gibt keine Fährverbindungen nach Griechenland. Es ist verhext: Man kommt nicht von der Türkei auf eine griechische Insel, von da weiter nach Kreta wäre kein Problem oder aber man kommt von der Türkei nach Zypern, aber dann ist Schluss. Sicherheitshalber maile ich noch die griechische Generalagentur an und leider bestätigt die unsere Recherchen. Wir wälzen verschiedene Möglichkeiten und prüfen die Faktenlage:

  1. Armenien fällt wegen der fortgeschrittenen Jahreszeit aus – wir haben uns in Albanien und Georgien etwas „verbummelt“.
  2. Die Südtürkei macht wegen der langen Anfahrt und der fehlenden Fährverbindungen nicht mehr so richtig Sinn.
  3. Kreta fällt deshalb leider (wieder einmal!) aus. Extra von und nach Athen, außerdem liegt das berühmte „Schönwetterfenster“ Kretas um Weihnachten herum – und was machen wir bis dahin?

Also steht der Beschluss: Rückfahrt über Nordtürkei und Nordgriechenland, Weiterfahrt auf den Peleponnes, da eine gute Zeit verbringen und dann von dort aus die Überfahrt nach Süditalien und Sizilien angehen. Ok, die Entscheidung muss mit einem guten Essen besiegelt werden: Taterbegar – das sind flache Nudeln mt einer unglaublichen Knoblauchsoße und Mazoni (Joghurt), Achamli khachapari – eine Art großer Blätterteigfladen mit Käsefüllung in der Mitte, darauf ein rohes Ei und natürlich Kebab, warmes Brot und Fassbier. Den Abend beschließen wir mit einem Glas des geschenkten Akhasheni – ein enorm voller und fruchtiger, eher nach Obstwein schmeckender, halbsüßer Wein, deshalb auch nur ein Glas!

Es geht zurück zur SH 11, auf der wir nach Akhaltsikhe fahren und dort einen Großeinkauf hinlegen – zu unserer und der Überraschung der Kassiererin( !) können wir sogar mit Visacard bezahlen. Dann fahren wir auf der SH 8 nach Borjomi, einem Kurort, dessen Mineralwasser in Georgien ungefähr so verbreitet ist wie Gerolsteiner bei uns. Weiter nach Kashumi auf die SH 1 und das Generve beginnt: Bereits vorher waren immer mehr uralte und völlig untermotorisierte iranische Tanklaster unterwegs, jetzt kommt auch noch der übliche, völlig verrückte Wochenend-PKW-Vekehr hinzu – also Überholmanöver zu Dritt nebeneinander mit weit über 100 km/h bei erlaubten 30 km/h oder überholen, voll in die Bremse steigen und ohne zu blinken abbiegen, mal links, mal rechts, egal – sowas in der Art eben. Habe ich es schon erwähnt? Meiner Meinung nach schmeißen die Georgier alle, aber auch wirklich alle irgendwie fahrbereiten Autos am Wochenende auf die Straße! Meiner Kathrin wird es jedenfalls etwas zu hektisch, vor allem, weil wir uns mit der Dauer der Fahrt zum Meer etwas verschätzt haben, denn die Autobahn um Kutaisi, immerhin die zweitgrößte Stadt Georgiens, ist nur in Richtung Tbilisi fertig und befahrbar und nicht, wie in der Karte eingezeichnet, in beide Richtungen. Das bedeutet für uns, auf die SH 1 abfahren und einmal quer durch die Innenstadt Kutaisis zu müssen und auch danach bis Samtredia wie auf der Hinfahrt bei dichtem Verkehr auf der SH 1 zu bleiben. Danach geht es auf der 12 auf zuerst schlechter Strecke die ganze Zeit bis zum Meer durch dicht besiedeltes Gebiet – das alles dauert! Im Doppelort Ureki/Magnetiti, einem touristischen Badeort mit dem Ruf eines Heilbades, denn man spricht dem dort vorkommenden magnetischen Sand eine heilende Wirkung bei Gelenk- und Rheumaschmerzen zu, finden wir am Ende des Ortes einen Parkplatz unter Pinien und am Strand, auf dem bereits ein Vollintegrierter LMC mit Kieler Kennzeichen steht. Es ist 17.30 Uhr, hier wird es bereits dämmerig und wir haben beide genug für heute.

Als wir am nächsten Tag auf Erkundungsspaziergang wollen, bleiben wir bei den Nachbarn fast eine Stunde lang auf einen Klönschnack hängen: Brigitte und Rolf (sie ehem. Schulleiterin, er Architekt) leben seit sechs Jahren ausschließlich im Mobil, das Kieler Kennzeichen gehört lediglich zur (leider in Deutschland nötigen) Wohnanschrift. Nach einer Gruppenreise in die Mongolei haben sie sich abgesetzt und touren nun alleine durch Georgien, weiteres Ziel ist per Fährüberfahrt die Überwinterung in Bulgarien und Rumänien. Der Spaziergang durch den Badeort fällt ziemlich kurz aus, denn hier ist wirklich alles dicht. Nicht ein einziges Restaurant finden wir, das noch geöffnet hat. Also kochen wir selbst und laden anschließend Susanne und Rolf zu uns ein – wieder einmal ein netter Klönabend!

Seit 5 Uhr morgens regnet es nicht, nein, es schüttet wie aus Eimern. Bei dem langsam aufweichenden Boden schalten wir sicherheitshalber den Allrad zu und rangieren zum „Tschüßsagen“ direkt neben den LMC, aussteigen würde „duschen“ bedeuten! Wir haben uns bei Khatuna in Poti bereits per Email angekündigt und fahren nun die 22 km dorthin sehr vorsichtig, denn es schüttet weiter sintflutartig, die Straße steht teilweise richtig unter Wasser und sogar die Georgier fahren heute vorsichtig! Als wir an der Nationalpark-Verwaltung ankommen, schüttet es immer noch und das Tor ist zu. Wir warten einfach davor und nach einger Zeit – siehe da! – bemerkt uns der Pförtner und lässt uns rein. Wir halten direkt neben der Tür zu den Büros, ich sprinte rein, erfahre aber leider nichts Gutes: Khatuna ist noch nicht zurück, ihrer Mutter geht es weiterhin schlecht und man macht sich große Sorgen. Ihre Mutter hat Lungenentzündung und Krebs, das hatte sie uns gemailt, und musste trotz hohen Fiebers für eine wichtige Untersuchung nach Kutaisi – das macht man hier selbst, nicht etwa per Krankenwagen! Wir hatten ihr zwar angeboten, den Transport zu übernehmen – immerhin haben wir ein Bett! – aber wir waren nun scheinbar einen Tag zu spät dran. Dafür begrüßt uns Nina, die Praktikantin, und ein paar Minuten später stehen wir wieder auf unserem „Stammplatz“. Nina sorgt sogar dafür, dass unsere Wäsche, vor allem die Bettwäsche sauber wird. Eigentlich hatten wir nur gefragt, ob es in Poti eine Wäscherei gibt, die Antwort war: „Nein, aber wir haben eine Wäscherin, die gegen Bezahlung gerne eure Wäsche macht!“ Was meint ihr, wie viel die Wäscherin für zwei große Beutel voll Wäsche haben wollte? Glaubt ihr nicht: 10 Lari, also 3 €!! Nun muss es aber schnell gehen, denn der Trockner arbeitet nur zu 90 %, es muss noch „nachgetrocknet“ werden und wir wollen hier ja nicht ewig zur Last fallen. Die weiteren Arbeiten sind typisch, wenn man „von draußen“ kommt: An den Strom, denn bei dem Sch…wetter ist nix mit Solar, Klo leeren, Wasser fassen, duschen…und plötzlich ist Khatuna da und hat sogar noch zwei Stück leckeren Schokoladenbuttercremekuchen mitgebracht. Ihrer Mutter geht es nicht wirklich besser, aber nun gibt es geich zwei Spezialisten, die sich um eine Therapie bemühen wollen – hoffen wir das Beste! Dann, typisch Managerin, klingelt mal wieder ihr I-Phone und sie muss „mal ganz kurz weg“. Nach zwei Stunden schafft sie es tatsächlich nochmal für eine halbeStunde und auf ein Glas O-Saft, dann klingelt es wieder und weg ist sie für heute.

Am nächsten Tag hat sich das Wetter beruhigt und wir sehen beim Frühstück unsere Wäsche oben auf dem Balkon des Hotels im Wind flattern. Das motiviert meine Kathrin, unsere „Tischdrecke“, die wir vergessen haben zum Waschen zu geben, per Hand zu säubern, damit endlich einmal alles rundum sauber ist. Anschließend erkunden wir zu Fuß Poti. Eine echte „Alltagsstadt“, wie wir es mögen. Hier findet normales Leben statt, ohne Schickimicki, und das ist, wie so mancher Blick in Hinterhöfe und in Flure von Mietshäusern zeigt, oft erschreckend ärmlich. Es geht zuerst in den Hafen. Hier steht ein Denkmal für einen der Bürgermeister der Stadt, der vor langer Zeit die Straßen und Plätze nach französischem Vorbild geplant hat und tatsächlich fällt auf, dass die sternförmig auf einen großen Park zulaufenden Straßen für georgische Verhältnisse enorm großzügig und breit sind. Am 28. Oktober sind übrigens Präsidentschaftswahlen in Georgien und eine der aussichtsreichsten Kandidatinnen ist die „Nr. 48“ (die Kandidaten haben hier alle Nummern und ihren richtigen Namen kann ich mir nicht merken), die Enkelin eben dieses Bürgermeisters mit französischen Wurzeln, einer langen diplomatischen Karriere als französische Botschafterin und georgische Außenministerin und somit einem gesteigerten Interesse an Europa. Wie immer ist für uns der Höhepunkt eines Stadtbesuches der Markt, wenn es denn einen gibt. Hier gibt es einen – und der ist sogar ganz schön groß, das Leben pulsiert und wir sind die einzigen Touristen. Der einen oder anderen Marktfrau bleibt einfach der Mund offen stehen, wenn sie uns sieht – wir finden gar nicht, dass wir hier so fremd aussehen, es gibt viele blonde und hellhäutige Menschen hier, wir sind auch nicht irgendwie besonders anders gekleidet, aber irgendwas lässt uns scheinbar sehr exotisch aussehen?! Auf dem Rückweg halten wir wieder einmal an „unserem“ Supermarkt und blicken nicht mehr in skeptische, sondern in strahlend freundliche Gesichter, die uns nett empfangen – das „Fremdeln“ ist hier vorüber. Nach knapp 4 Stunden „Dauerlauf“ und rund 14 km sind wir doch etwas geschafft. Kurz ausruhen, dann ist schon Khatuna da und bringt auch noch Geschenke: Eine Flasche (sehr guten!) Hauswein ihres Bruders, einen Haufen Limonen (9!), frische Minze, frischen Cilantro und frischen Spinat („all organic, from our own garden!“). Etwas klönen, News von ihrer Mutter, Details übers Weinmachen, dann wieder das I-Phoneklingeln und weg ist sie.

Letzter Tag in Georgien – ich kippe den Kanister Adblue, den wir die ganze Zeit sicherheitshalber mit rumgeschleppt haben, in den Tank, dann holen wir die Wäsche ab, machen uns abreisefertig. Es folgt der Abschied mit vielen Fotos und Selfies – unsere Wäschefrau, der wir natürlich pro Wäschesack 10 Lari gegeben haben, lässt es sich nicht nehmen und sperrt fast die Straße, damit wir heil aus der Ausfahrt kommen und dann ist das Abenteuer „Georgien“ plötzlich ganz schnell zu Ende. Nach einem letzten Großeinkauf georgischer Lebensmittel in „unserem“ Supermarkt kämpfen wir uns noch einmal durch Batumi, an der Grenze vertanken wir unsere letzten Lari – nein, es reicht auch noch für O-Saft, Eier und ein Glas echte Schwartauer Erdbeermarmelade! – und sind um 13.20 Uhr, wegen einer Stunde Zeitverschiebung besser um 12.20 Uhr, wieder in der Türkei.