Der Beginn

Kurz nach Mittag kommen wir von zu Hause los und schon drei Stunden später stehen wir auf dem großen und kostenlosen Stellplatz in Hitzacker an der Elbe. Es ist schwül bei 32° und riecht nach Gewitter. Trotzdem lockt uns ein Lokal (Drawehner Torschänke) mit gemütlicher Außenterrasse, einer kleinen, aber nicht zu verachtenden Speisekarte und vorzüglicher Küche: Für Kathrin gibt es frisches Zanderfilet auf einem Tomaten-Zwiebelbett, für mich Wildschwein-Sauerfleisch mit einem sehr guten Joghurtdressing anstelle der sonst üblichen Remoulade und den besten Bratkartoffeln, die ich seit langem in einem Restaurant gegessen habe. Wieder zurück, parkt gegenüber ein alter, aber feiner Mercedes-Rundhauber ein und es wird natürlich sofort geklönt: Ein 710 D, Baujahr 1962, abgelastet auf 5,2 t, 8 m lang, alter Polizei-Funkwagen.

Am nächsten Tag müssen wir früh raus, denn wie im „Zwischenbericht“ bereits vermerkt, soll unser Anhänger noch ein wenig „aufgebrezelt“ werden. Pünktlich um 8 Uhr stehen wir bei „Anhänger Millmann“ in Lüchow. Es ist 9.30 Uhr, bis alles besprochen und vereinbart ist, dann legt der Chef los und wir fahren raus ins Grüne zum Frühstück. Weshalb es so lange gedauert hat? Nun, der Boss ist noch einer von denen, die man leider nicht mehr so oft antrifft: Er braucht ein wenig Anlaufzeit, dann aber sprudeln die Ideen nur so – plötzlich hat er da noch etwas Passendes im Lager und hier noch einen Verbesserungsvorschlag und dort ließe sich vielleicht noch etwas finden…. Und das dauert eben. Ein Beispiel? Der Hänger hat einen Deckel, der durch eine Federmechanik aufgehalten wird. Im Laufe der Zeit haben die Federn allerdings soweit an Kraft verloren, dass mir der Deckel, der nicht gerade leicht ist, schon einige Male satt auf dem Schädel gelandet ist. Anrufe bei allen möglichen Vertragswerkstätten waren absolut frustrierend:

  • Gibt es nicht mehr
  • Solche Hänger haben wir nie gehabt
  • Mache ich nicht, da kenne ich mich nicht aus

Die Antworten wurden nicht besser, wenn ich nachfragte, ob man die Federn nicht gleich durch Gasdruckdämpfer ersetzen könne – da waren die beiden höflichsten noch, dass man nicht wisse, welche Stärke man verwenden solle und ein Werkstattbesitzer, der mir erklärte, sein Versicherungsberater wäre gerade da gewesen und hätte ihm ausführlich erklärt, für welche Arbeiten er im Fall der Fälle haften müsste. Seither würde er nur noch Anhänger verkaufen und Reifen wechseln. Und unser Herr Millmann? Er sieht sich den Deckel kurz an und bemerkt, dass er einen Anhänger mit ähnlicher Mechanik auf seinem Ausstellungsgelände stehen hat – und schon fahren wir dorthin. Er zeigt uns, was er meint und als wir ihm zustimmen, kommt die unkomplizierte Antwort: „Die Dämpfer baue ich dort samt Befestigung aus und bei euch ein, lediglich einen größeren Halter für die Bordwand muss ich noch schweißen, kein Problem!“

Gegen 14 Uhr ist der Hänger fertig: Große Reifen, eine neue Reserveradhalterung vorn an der Stirnwand, Kotflügel aus Alu-Riffelblech mit extra dicken Schmutzfängern und ein „fettes“ Stützrad mit noch „fetterer“ Halterung.

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Reserverad und „fettes“ Stützrad

 

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Aluriffelblechkotflügel

Lediglich die Gasdruckdämpfer konnte er in der Zeit noch nicht einbauen, denn das Schweißen der Halterung braucht Zeit. Also erledigen wir das dann auf dem Rückweg. Nun versuchen wir noch Kilometer zu fressen, denn spätestens am Donnerstag wollen wir mittags bei Willis Treffen in Enkirch sein. Hier hält unser alter Freund Peter bereits seit heute die Stellung und einen Stellplatz für uns bereit. Den verteidigt er verbissen, denn es wird voll, ziemlich voll und er weiß nicht, wie lange er „noch durchhält“! Wir schaffen es bis nach Neukirchen auf den Stellplatz „Urbachtal“. Reiner Luxus, aber den gönnen wir uns heute, denn hier gibt es leckere Sachen vom Holzkohlegrill, besonders die Spareribs sind erstklassig! Leider haben wir nicht bedacht, dass Mittwoch ist und so gibt es anstelle der Rippen nur Jausenteller mit „Ahle Wurst“ und „Hüttenspeck“, die sind allerdings qualitätsmäßig einwandfrei und das eiskalte Hefeweizen lässt die Enttäuschung schnell schwinden.

Am nächsten Tag geht es ab an die Mosel. Bei Willis Treffen hat man aus guten Gründen fünf Wartespuren eingerichtet, denn die Veranstaltung ist nicht nur immer größer geworden, in diesem Jahr ist auch noch 40-jähriges Jubiläum! Obwohl also das Fernreisetreffen offiziell nur von Freitag bis Sonntag stattfindet, sind nur noch wenige und nicht so tolle Plätze zu finden. Ich melde uns an, Kathrin ruft Peter an und der geleitet uns zum tapfer frei gehaltenen Platz. Den Hänger kuppeln wir ab und parken ihn im 90°-Winkel – passt! Eine erste, 1 ½-stündige Platzbegehung zeigt: Vielfalt pur! Was es hier nicht zu sehen gibt, gibt es wahrscheinlich auch nicht – und besonders beruhigend: Es gibt doch noch jede Menge Selbstausbauten! Wir haben schon gedacht, die sind mehr oder weniger ausgestorben! Nach dem Essen am Auto bringt uns der nette Nachbar, der nebenan mit seinem Firmentruck (www.bigb-brownie.de) campt, einen Beutel seines enorm  leckeren Naschwerks vorbei: Unterschiedlichste Brownies in Konfektgröße – lecker!!!

Am nächsten Vormittag hat meine Kathrin kein Sitzfleisch mehr (wir klönen ihr zu viel!) und sie macht allein einen Rundgang über das Gelände. Nach einer knappen Stunde kommt sie mit Sabine und Günther zurück – Leute aus unserem Bimobilfreundeskreis – und die Klönerei geht weiter. Schließlich kommt auch noch Jochen, wieder einer von den Bimobilern, aber so ist das hier eben: Alle genießen die friedliche Stimmung, überall werden die Autos gezeigt, es wird gefachsimpelt und Freunde wie Bekannte getroffen. Ein Schwerpunkt des Treffens sind die Vorträge, die nachmittags und abends (leider oben, ziemlich weit oben!!) im Bürgersaal stattfinden. Uns interessiert besonders ein Vortrag mit dem Titel „Berlin – Baikal – Gobi“, denn im Moment zieht es uns mehr denn je gen Osten – Kirgistan und Kasachstan schälen sich im Moment als Ziele unserer nächsten Fernreise heraus. Natürlich gibt es noch viel mehr zu sehen – neben uns steht ein Rundhauber, deren Besitzer über Südamerika berichten, aber auch Vorträge über Indien und Afrika im Programm haben (wer in Amelinghausen auf dem AMR-Treffen war, hat sie vielleicht dort erlebt). Am nächsten Tag wird ein wenig gebastelt, weiter geschaut und geklönt und abends gönnen wir uns ein leckeres Essen in einem der örtlichen Restaurants und dann ist das Treffen auch schon wieder Geschichte.

Heute ist Abreisetag – wir warten bis sich das Feld ein wenig gelichtet hat und begeben uns erst am frühen Nachmittag auf die Strecke. Nach einer Zwischenübernachtung in Zell und einem etwas größeren Einkauf im EKZ Barl inklusive Gastankfüllung landen wir schließlich bei unseren langjährigen Bekannten, die in Bremm ein Weingut (mit hervorragenden Weinen!) betreiben.

Hier bleiben wir zwei Tage, denn einerseits gibt es viel zu schnacken und Weine zu verkosten, andererseits ist das Wetter noch so gut, dass wir eine 56 Kilometer lange Radtour entlang der Mosel unternehmen. Schließlich heißt es auch hier Abschied nehmen, natürlich nicht, ohne eine Kiste Wein und eine Flasche Trester an Bord zu nehmen. Nach zwei weiteren Zwischenstopps ist unsere Liste abgearbeitet, es geht über Luxemburg (tanken!) zuerst in Richtung Brüssel, dann hinter Florenville hinüber nach Frankreich und dort auf der N 8043 über Sedan nach Charleville-Meziers. Der dortige Stellplatz an der Marina ist proppevoll und da wir keine Lust mehr haben weiterzufahren, gehen wir auf den tadellosen Camping Municipal daneben. Für 13 € inklusive Dusche ist er recht günstig und die Stellflächen sind riesig. Originell hingegen ist, dass es keine Entsorgungsstation gibt und die merkwürdigen Wasserstellen, die an jedem Platz stehen, erlauben das Auffüllen des Wassertanks ausschließlich per Kanister – keine unserer sonstigen Anschlussmöglichkeiten funktioniert.

 

Nun geht es über St. Quentin nach Amiens. Wir umfahren die Stadt nördlich und fahren weiter nach Abbeville, das wir ab Ailly über die D 32 und D 111 nach Noyelle erfolgreich umgehen. Auf der D 940 und D 4 legen wir dann die letzten Kilometer nach Le Crotoy zurück, noch in der Picardie gelegen – hier wollen wir ein paar Tage Pause machen, um nach den vergangenen Tagen in den „Reise-Flow“ zu kommen. Bevor wir uns jedoch in die Sonne setzen können, müssen wir ein paar Kleinigkeiten im Hänger richten, denn die nicht immer hervorragenden Nebenstraßen haben doch für ein wenig Unordnung gesorgt, vor allem, weil sich zum ersten Mal nach sechs Jahren die Verschraubung der Spezialhalterung des Rollers gelöst hat und der Roller nun lässig an der Bordwand lehnt. Die verantwortliche Mutter haben wir bis jetzt nicht gefunden, zum Glück liegt ein Reserveexemplar im Werkzeugkasten. Außerdem hat sich noch mein Rad aus der Halteschiene verabschiedet und muss wieder gerichtet werden, aber dann ist Sonne angesagt – und die erste Reiseführerlektüre, damit wir überhaupt eine Ahnung bekommen, wo wir in der nächsten Zeit hinwollen und was wir vorhaben könnten.

 

Hier gibt es einen viele Kilometer langen Strand. Einziger Nachteil: Bei einem Tidenhub von weit über acht Metern sieht man das Wasser nur sehr selten – nämlich nur eine knappe Stunde lang und bei absolutem Hochwasser. Diese Stunde nutzen dann die Kitesurfer – mehr als 30 haben wir gezählt! Da das Wetter noch ruhig ist, beschließen wir eine Barfußwanderung am Strand entlang in das angrenzende Naturschutzgebiet der „Baie de Somme“ zu machen, denn hier stehen wir am Mündungsgebiet des Flusses. Das macht auch Spaß und wir genießen die frische Meeresluft, auf die wir ja ein paar Tage verzichten mussten. Was ich jedoch nicht bemerkt habe ist, dass sich die Haut meiner Fußsohlen noch nicht wieder an so lange und ausführliche Barfußeskapaden gewöhnt hat und als ich wieder festen Steinboden unter denselben habe, macht mich ein plötzlicher Schmerz darauf aufmerksam. Ein Blick unter die Füße offenbart nichts Gutes, denn dort hängt ein größerer, mit feinem Sand panierter Hautfetzen – die mehrere Zentimeter durchmessende Blase hat sich also auch noch gleich aufgelöst! Somit sind meine Aktivitäten in den nächsten Tagen gleich wieder eingeschränkt – wie kann man nur so blöd sein!? Also heißt es am Auto: Stühle raus, Wunde spülen und versorgen und in der nächsten Zeit gibt es ein paar schöne Fotos, was Kathrin mit meinem Fuß so anstellt, damit ich möglichst nicht das Auto einsaue und trotz allem auch noch duschen kann – das mit dem „Nichteinsauen“ hat allerdings nicht so ganz geklappt, Laken und Teppich habe ich schon trotzdem noch etwas „eingefärbt“!

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„Serviettenumschlag“
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„Latexhandschuhduschfußschutz“

Ortsbesichtigung und ein kleiner Einkauf finden also ohne mich statt – immerhin macht Kathrin ein paar Fotos, damit ich sehen kann, was ich alles verpasse! Ich schreibe derweil am Blog und „lecke meine Wunden“. Interessant macht den Aufenthalt auch das Wetter, das in den letzten Tagen direkt aus Großbritanien herüber zieht und echt britisch ist – könnte auch sein, dass auf diese Weise die Brexitstimmung herüber schwappt!? „Wechselhaft“ ist jedenfalls eine gute Umschreibung und nicht nur einmal müssen wir spurten, um unser Hab und Gut vor Feuchtigkeit zu schützen. Okay, es ist nett hier, aber nach drei Tagen ruft uns die Straße, denn nun soll es endlich in die Normandie gehen – Cidre, Calvados, Butter und Sahne rufen – Paradies, wir kommen!!!

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Restaurant vor Ort