Georgien Teil 4

Also fahren wir wieder zurück auf die 43 in Richtung Akhmeta. Wir fahren betont gemütlich, um keinen eventuellen Stellplatz auszulassen, haben aber kein Glück, da die Gegend tatsächlich richtig eng besiedelt, um nicht zu sagen „zersiedelt“, ist. Schließlich biegen wir an einem Schild mit der Aufschrift „Wine Route“ rechts ab und gelangen auf nagelneuer (!) Straße zwei Kilometer weiter in eine Sackgasse. Hier gibt es nur noch die zwei sehr repräsentativen Eingangstore, beide mit Security besetzt, die zu den Weingütern „Graneli“ und „Khareba“ führen. Der Guard von Graneli ist einfach smarter, kommt zum Wagen und erklärt uns (nicht ganz korrekt!), dass der Eingang zum anderen Weingut lediglich zu einem Weinmueum führt – das stimmt auch insofern, dass Khareba derart groß und touristisch ist, dass dort auch noch ein Weinmuseum untergebracht ist, wie wir später sehen.

Wir parken auf dem Betriebshof neben der Traubenanlieferung und ordern eine Weinprobe georgischer Weine – in den besseren Weingütern werden in der Mehrzahl Weine in europäischer Tradition und Technik ausgebaut, uns interessieren aber natürlich die in großen Amphoren, den Kvernis, im Ganzen, also mit Schalen, Kernen und Stielen fermentierten Weine (zwischen 3 und 6 Monaten), die dann abschließend zwischen 6 und 24 Monaten in Eichenfässern reifen. Die Sommilière ist eine junge Frau, die sehr gut Englisch spricht, ohne je im Ausland gewesen zu sein („ich habe viele englische Filme im Fernsehen angeschaut!“), versteht ihr Handwerk und dabei lernen wir nicht nur einiges über georgischen Wein, sondern auch noch Melissa Pros aus Chicago kennen, die mit uns zusammen verkostet, beruflich ausgefallene Weintouren für anspruchsvolle Reisen anbietet und nun Georgien erkundet. Wir verbringen lustige 1 ½ Stunden und kaufen insgesamt 7 Flaschen inklusive 2 Flaschen ChaCha. Sicher, der georgische Wein ist gewöhnungsbedürftig, aber gut ausgebaut hat er einen nicht zu unterschätzenden Charme. Uns gefällt er, nicht immer und viel davon, aber er ist anders und kommt schließlich aus dem ältesten Weinanbaugebiert der Welt. Es gibt hier Weinstöcke, die sind mehr als 200 Jahre alt und haben einen Stammdurchmesser von mehr als 1 m!

Leider können wir nicht im Weingut stehen bleiben, also ziehen wir zuerst auf den offiziellen, ziemlich kleinen Parkplatz im Wendehammer um und dann zusammen mit Melissa ins Nachbarweingut Khareba – wie Melissa schon sagte: „The Disneyland of Winemaking!“ und die muss es als Amerikanerin ja wissen! Sie hat nicht übertrieben: Busladungen von Touristen, Hotel, Restaurant, Grillhütte und jede Menge Remmi Demmi, einschließlich Folkloregruppe. Am Kellereingang kauft man sich Tickets für eine Weinführung in verschiedenen Sprachen, also für uns in Englisch, inklusive Verkostung. Die Führung durch den 200 m langen Keller (insgesamt 2 Kilometer lang) dauert nur gut 10 Minuten, dann geht es an einen der vorbereiteten Tische und man bekommt lediglich zwei georgische Weine kredenzt, einen weißen und einen roten. Nun ja, das können die Nachbarn, auch was die Qualität angeht, aber erheblich besser! Zum Tasting gehört auch eine Probe von Traubenkernöl, das hier auch hergestellt wird. Das Öl ist wirklich lecker und im Vergleich zu österreichischem Öl spottbillig, also kaufen wir davon eine kleine Flasche. Anschließend versuchen wir, eine Erlaubnis für eine Übernachtung auf dem wirklich gigantisch großen Busparkplatz zu erhalten, aber die Security stellt auf stur, angeblich aus Sicherheitsgründen!?

Wir verabschieden uns von Melissa, die mit ihrem Mietwagen wieder schnell nach Telavi zur nächsten Weinprobe muss und setzen uns erstmal ins Auto, um auf dem kleinen Parkplatz vielleicht wenigstens ein Plätzchen in einer Ecke zu erhaschen, in der es etwas ruhiger ist. Wird aber nichts und meine Kathrin steigt aus, um einen Mitarbeiter des gegenüberliegenden Weinshops zu bitten, mit uns die Plätze zu tauschen. Der versteht sie aber nicht und verweist sie an die Chefin, die zum Glück gut Englisch spricht und uns anbietet, doch einfach hinter dem Haus im Garten auf dem Rasen zu stehen. Mal wieder ein Volltreffer, denn netter und ruhiger kann man nicht stehen. Vor allem ich bin wieder mit der Gesamtsituation zufrieden, denn meine Laune befand sich schon massiv auf dem Weg in den Keller.

Heute machen wir uns nach dem Frühstück weiter auf die Suche nach der Ursache des Bremslichtdefekts. Wie so oft hilft es, eine Nacht über ein Problem zu schlafen: Wenn alle Kabel noch an ihrem Platz, alle Sicherungen intakt sind und das obere Bremslicht noch funktioniert, dann muss der Fehler eigentlich an den Lampen selbst liegen. Linke Bremslichtscheibe aufschrauben und schon ist der Fall gelöst: Die Zweifadenlampe war scheinbar nicht vollständig eingerastet, hat sich durch die Rüttelei im Gelände um 90° gedreht und dabei einen Kurzschluss ausgelöst. Lampe drehen, fertig! Wenn doch alle Probleme so leicht zu lösen wären! Weiter geht es zur Festung Gremi, die quasi direkt an der Strecke liegt. Heute ist Sonntag, also Gottesdienst und damit fällt die Kirchenbesichtigung aus. Wir besuchen stattdessen das kleine Museum mit sehr witzigen, fast sarkastisch anmutenden Neuschöpfungen  von Portraits der früheren Herrscher.

In Kveno Alvani biegen wir auf die SH 184 zur Klosterfestung Alaverdi ab – was für ein Unterschied! Nagelneue Großparkanlage, jede Menge Busse und Marschrutkas, Trubel ohne Ende. Da auch hier gerade Gottesdienst ist, verzichten wir auf eine Besichtigung, fotografieren von außen und fahren schnell weiter. Hinter dem Kloster in Richtung Telavi gibt es an der Straße Imbissbuden, Grills, Großfamilienpicknicks…viel los hier, scheint ein beliebtes Wochenendziel zu sein! Kurz vor Atskuri treffen wir auf die SH 42, auf der wir schnell nach Telavi gelangen. Kurz vorher halten wir bei einem der vielen Bäcker und kaufen noch heißes, gerade aus dem Ofen kommendes georgisches Brot, das in Rundöfen gebacken wird und eine ganz spezielle Form hat, da der Teigling auf eine sehr spezielle Weise an die Keramikwand des Ofens „geklatscht“ wird. Dieses Brot, das man gerade schon anfassen kann, ist ein Traum. Wir verfuttern mal eben einen ganzen Laib und sind dann für den Rest des Tages eigentlich satt. Wir parken direkt in der Stadtmitte von Telavi, gegenüber der Stadtverwaltung und spazieren planlos durch den Ort. Zuerst zur Festung, dann durch die frisch renovierte Altstadt und schließlich durch die sehr lebendige Markthalle. Wir bekommen sogar wieder einmal Kaffee in ganzen Bohnen, das allein sorgt schon für beste Stimmung, zusätzlich kommt die Sonne raus und es wird warm. Dann fahren wir die letzten 6 km zum Weingut „Schuchmanns“, natürlich nicht auf normaler Route, das kann ja jeder, sondern wieder einmal wegen einer Straßensperrung auf äußerst verschlungenen, nicht zu komfortablen Wegen. Wie der Name schon andeutet, ist hier ein deutscher Investor im Spiel: Der Besitzer war Vorstandschef der Firma Vossloh, die Lokomotiven, Weichen und Gleisbefestigungen herstellt, und hat sich mit 67 Jahren die Förderung der georgischen Weinkultur auf die Fahnen geschrieben. Für lockere 5 Millionen hat er dann das doch schon edlere Weingut aus dem Boden gestampft. Wir werden freundlich begrüßt und dürfen „selbstverständlich“ über Nacht stehen bleiben, Dusche und Klo gibt es auch – Herz, was willst du mehr? Wein natürlich, und gut essen! Also bekommen wir eine exklusive Kellerführung mit anschließender Verkostung. Wieder interessieren uns nur die georgischen Weine – drei weiße und einen roten gibt es. Die Weißen sind zwar fein, es fehlt ihnen aber eindeutig an Körper, aber der Saperavi ist ein Traum – davon nehmen wir gleich ein paar Flaschen mit. Hier gibt es außerdem noch im Eichenfass gereiften ChaCha – liebe Italiener, es tut uns leid, aber da müsst ihr euch ganz warm anziehen!!! Leider ist man gerade erst dabei, den ChaCha abzufüllen, heute können wir auf keinen Fall etwas kaufen, vielleicht morgen…oder übermorgen!? Das Wetter ist fantastisch, der Ausblick vom Restaurant auf die Berge des Hohen Kaukasus ebenfalls, das Essen soll sehr gut sein….ja, dann bleiben wir doch noch einen Tag! „Kein Problem“ lautet die schlichte und einfache Antwort. Ab auf die Restaurant-Terrasse, es gibt georgisches Kebab für mich, Apkhazura (Kebab in Speck eingerollt) für Kathrin, mit Sulguni (so etwas wie Mozarella) im Tontopf überbackene Pilze, georgisches Brot, eine Flasche des leckeren Saperavi und zwei von den teuflisch leckeren ChaCha – ein wirklich anspruchsvolles Essen in kultivierter Atmosphäre (Stoffservietten hatten wir lange nicht mehr!) mit toller Aussicht für gerade einmal 33 €, so kann es doch auch gehen!

Nach einem Ruhetag – u.a. mit der Lektüre von 14 Seiten liebevoll von Axel fotografiertem Bankprotokoll verbracht! – und einem weiteren leckeren Essen (das Kaninchen ist toll, der Baumpilzsalat mit georgischem Pesto nicht minder!) schaffe ich es, unserem Sommelier tatsächlich zwei noch nicht etikettierte Flaschen des frisch abgefüllten ChaCha abzuluchsen – „It is illegal! Just take and hide it!“, also soviel wie: Es ist illegal, nimm es einfach und verstecke es! In der Nacht haben die Schakale ihren großen Auftritt – ihr Geheule hat schon Ähnlichkeit mit dem der Koyoten, allerdings ist die Stimmlage um einiges höher.

Wir folgen der kachetischen Weinstraße weiter nach Süden, halten aber an keinem weiteren Weingut mehr (Platzprobleme!), sondern fahren über Gurjaani zurück zur SH 5 und nach Tbilisi. Wir versuchen der Stadt durch einen großen Bogen zu entkommen, das klappt allerdings nicht ganz, schließlich sind wir aber recht zügig auf der SH 6, dem Hauptverkehrsweg in Richtung Armenien. Auf der SH4 direkt „nebenan“ in Rustavi befindet sich der größte Gebrauchtwagenmarkt Georgiens und das merkt man auch an der „Qualität“ der hier fahrenden Autos!

Hinter Koda biegen wir zum Glück auf die SH 34 nach Westen ab. Auf toller, von den Amerikanern gesponserter Straße schrauben wir uns langsam in den Kleinen Kukasus hinein und hinauf. Bald sind wir in karger, aber wirklich atemberaubender Landschaft auf 2200 m Höhe. Wir biegen nach Manglisi zu einem Abstecher in Richtung Alguti Nationalpark ab und sehen unseren ersten Steinadler. Die Straße selbst ist wieder einmal miserabel, wir fahren rund 5 km in Richtung Nationalpark, allerdings ist alles dicht besiedelt, der Straßenzustand wird nicht besser, also drehen wir wieder um. Kurz hinter Tsalka kommen wir in eine mit allen georgischen Wassern gewaschene Profibaustelle. Wir sind begeistert – wenn das bis nach Ninotsminda so geht, dann Mahlzeit! Zum Glück ist nach 13 km alles vorbei, allerdings findet sich trotz wunderschöner Seen und toller Landschaft nix zum Übernachten, vor allem, weil fleißiger Handwerker ungefähr 20 km lang am Straßenrand einen Graben ausgehoben haben, um wahrscheinlich neue Wasserleitungen zu verlegen. Kurz hinter dem Paravani See haben Bauern Hügel aus Steinen aufgeschichtet, die sie aus den Kartoffelfeldern gesammelt haben – nicht so kleine Dinger wie bei uns in Schleswig-Holstein, nein, eher so mittlere Felsen. Jedenfalls sind die Haufen groß genug, um Exe ein wenig Sichtschutz zu bieten, also Allrad rein, rauf aufs Feld und ab hinter den höchsten Hügel. Stellplatz ist eben, also Einlaufbier und Füße hoch. Irre ist: Wir sind wirklich mitten in georgischer Steppe, aber wir haben 5 Balken, also vollen Empfang! Die zwei großen Schaf- und Rinderherden ziehen langsam ab und nach einem gewaltigen Sonnenuntergang macht sich ein Sternenhimmel breit, wie wir ihn zuletzt in der Wüste gesehen haben.

Nach erneuten Fotos – was für Farben, was für eine Landschaft! – und einem guten Frühstück geht es über Ninotsminda weiter nach Akhalkalaki. Kurz vorher, in Khospio, endet die Eisenbahn, deren Trassenerneuerung wir schon seit Tsalka mit verfolgen, in einem großen, hochmodernen Bahnhof mit vielgleisigem Güterbahnhof und gerade im Entstehen begriffenen Großhallen. Was soll das? Hier, mitten in der Steppe? Später erfahren wir von Gernot, den wir mit seinem Bimobil in Vardzia treffen, dass hier die Bahnen aus Adzerbaijan umgespurt werden sollen, außerdem kommt hier die Verbindung aus der Türkei an – also ein Knotenpunkt in der georgischen Hochsteppe! Hinter Akhalkalaki wird die Strecke am Eingang zu einem sehenswerten Canyon für rund 5 km wieder ziemlich mies, dann bessert sie sich zusehends und wir können die Fahrt durch den schönen Canyon genießen. In Khertvisi steht eine eindrucksvolle Festung, hier biegen wir auf die 58 ab, die schon fast unheimlich gut ausgebaut ist und in ein idyllisches Seitental führt. Die Straße verläuft im Tal entlang des Mtkvari – es gibt Picknickplätze, Wiesen, sanfte Landschaft, dazu das Superwetter – was will man mehr? Gegen Mittag erreichen wir den nagelneuen Großparkplatz am Höhlenkloster von Vardzia und parken neben einem Bimobil LB 365 und CW-Kennzeichen. Der schon erwähnte Gernot steigt aus, wir sind uns sofort symphatisch und klönen uns fest. Beim Einparken neben seinem Wagen stellen wir fest, dass das Bremslicht schon wieder muckt – es geht nur noch auf einer Seite! Da Gernot „im ersten Leben“ einmal Elektriker war, packt er sofort hilfsbereit sein Werkzeug und macht sich auf die Fehlersuche. Er findet eine lose Masseverbindung, außerdem spendiert er noch eine neue Lampe – vielen Dank noch einmal dafür, Gernot, das war nicht selbstverständlich! Dann geht es für knapp 2 Stunden auf Klettertour in das eindrucksvolle Höhlenkloster, anschließend wird beim Bier weiter geklönt und schließlich landen wir zusammen im Restaurant nebenan mit Terrasse am Fluss. Dort sitzen wir, bis es gegen 19 Uhr dunkel und kühl wird, dann schnacken wir noch in Gernots Auto bei georgischem Rotwein bis zur Schlafenszeit weiter.