Sardinien Teil 2

Nach dem Frühstück begeben wir uns gegen 10 Uhr ins Office und sind erstaunt: Vier Leute sind „im Einsatz“ – will heißen, sie sitzen alle im Office, das im hinteren Bereich auch noch Bar ist, und trinken Kaffee. Eine Dame kassiert unseren Eintritt, der Chef nickt gönnerhaft, die deutsche Mitarbeiterin scheint sich darüber zu freuen, endlich wieder Deutsch sprechen zu können und bietet sofort an, uns kostenfrei durch die wirklich sehenswerte Anlage zu führen (was wir auch dankbar annehmen) und dies auch sehr engagiert und mit Fachwissen durchführt. Wieder zurück, wird auf Deutsch, Englisch und Händen wie Füßen „geklönt“ (wir sind immer noch die einzigen Gäste). Dann sollen wir Schnaps trinken (um 11.30 Uhr!) oder Wein oder aber wenigstens einen Kaffee – das tun wir denn auch, also Kaffee trinken. Dann kaufen wir sehr zur Freude aller Anwesenden noch zwei T-Shirts. Irgendwann schaffen wir es, lösen uns von den extrem netten Parkrangern und fahren weiter zur Nuraghe Loelle mit einem ziemlich zerstörten Gigantengrab (alles kostenfrei und begehbar). Weiter geht es bei Nieselregen über Budduso, an Pattada vorbei nach San Nicola nördlich von Ozieri. Hier gibt es wieder einmal einen Lidl und zum zweiten Mal erleben wir einen Stromausfall bei gleichzeitigem Wolkenbruch draußen. Einkaufen im Halbdunkel bei Handylicht ist schon ein Gemeinschaftserlebnis! Als der Einkaufswagen proppenvoll ist, befürchten wir schon, ohne Bevorratung weiterfahren zu müssen, aber kurz vor der Kasse hat die Technik ein Einsehen und der Strom ist da – sogar die Kreditkartenabrechnung funktioniert wieder! Über Oschiri geht es nun zum Stausee „Lago del Coghinas“ und zum großen Parkplatz an der Kirche „Notre Signora di Castro“. Von hier genießt man eine fantastische Fernsicht über den See und auf die umliegenden Berge.

 

Heute Nacht kam Starkwind auf – zum Glück standen wir genau richtig im Wind, denn hier oben kann es einen schon ordentlich durchrütteln. Über ein kurzes Autobahnstück auf der SS 597 geht es über Mores und Torralba zum „Tal der Nuraghen“. Hier liegen über 30 Nuraghen und Ausgrabungsstätten – wir besuchen zuerst die Königsnuraghe „Antine“. Das besondere hier sind die inneren, voll erhaltenen und begehbaren Verbindungsgänge und wir stellen fest: Die Leute damals waren nicht kleiner, wie man das so oft aus Anlass beim Besuch anderer antiker Stätten erfährt, nein – die müssen schon so ungefähr unsere Statur gehabt haben, jedenfalls können wir uns überall bequem aufrecht bewegen und es bleibt sogar noch Platz nach oben! Anschließend geht es weiter zu den Felsengräbern von „Santa Andria Priu“. Hier befindet sich ein wunderschön und still gelegener Picknickplatz in einem Wäldchen unterhalb des Verwaltungsgebäudes und wir beschließen sofort, hier die nächste Nacht zu verbringen. Da an den Anlagen zu den Gräbern wieder einmal gebaut wird, ist das Prozedere etwas umständlich: Tickets im Verwaltungsgebäude besorgen, dann mit dem Auto rüber zu den etwas entfernter liegenden Ausgrabungsstätten. Hier kommt dann die Rangerin mit dem Auto dazu, schließt auf und macht mit uns eine „Führung“. Das bedeutet bei ihr, dass sie die ganze Zeit telefoniert und nebenbei vor uns hergeht und mit dem Finger auf die Sehenswürdigkeiten zeigt – auch originell! Zum Abschluss wieder das „Siesta-Problem“: Sie gibt uns noch 10 Minuten, nämlich genauso lange, wie sie benötigt, um mit dem Auto zur Verwaltung zurück zu fahren, ihre Kollegin zum Essen abzuholen und wieder bei uns zu sein. Dann ist es 13.10 Uhr, es wird abgeschlossen und das war’s dann. Wir genießen den schönen Stellpatz, beobachten den Haufen halbwilder Hunde beim Herumtollen und Kathrin macht heute ein tolles Gulasch, dazu gibt es eine Flasche edlen Cannonau-Wein mit Namen „Chuerra“ aus Jerzu.

Über Bonova geht es auf die SS 131 und an Macomer vorbei nach Süden bis kurz hinter Abbasanra. Der Nuraghe „Losa“ liegt nicht nur direkt an der Autobahn, er hat sogar eine eigene Zufahrt. Nach einer wieder sehr interessanten Besichtigung (langsam werden wir zu „Experten“!) geht es weiter zum Brunnenheiligtum nach San Christina – da es zwei „San Christinas“ in ziemlicher Nachbarschaft gibt, dauert es ein wenig länger, bis wir an der richtigen eintreffen und es ist wieder einmal 12 Uhr, also „kurz vor Siesta“. Ob es nun am Bekanntheitsgrad dieser antiken Stätte liegt oder daran, dass es auch hier eine eigene Abfahrt von der Autobahn und somit vermehrten Besucherstrom gibt, wissen wir nicht, aber es gibt tatsächlich keine Mittagspause und so können wir uns mit der Besichtigung Zeit lassen. Es gibt ein extrem beeindruckendes, unterirdisches Brunnenheiligtum, dann noch ein Nuraghendorf und eine Kirche mit großem Pilgerdorf aus dem 15. Jahrhundert. Genug zu sehen!

 

Nun geht es aber über Tramatza und S. Vero Milis endlich wieder ans Meer, zuerst zur Pineta Arenas, weil es dort tatsächlich einen geöffneten Campingplatz gibt. Der gefällt uns allerdings nicht und da es eine kommunale Entsorgung im nahegelegenen Putzu Idu (witziger Name, oder?) geben soll, fahren wir dorthin. Die Station ist schwer zu finden (zum Glück gibt es bei Camp-4-Night die Koordinaten!) und total verwahrlost. Aber was soll’s – das Loch ist offen, also rein da mit dem Kram! Dann fahren wir zum großen Strandparkplatz von Mandriola. Hier passen mindestens 100 Autos hin, aber wirklich schön finden wir es nicht – wir sind einfach schon zu verwöhnt. Für heute bleiben wir, aber morgen suchen wir was Schöneres!

 

Nächster Morgen – es geht zurück nach Putzu Idu, dann über die SP 66 zur SP 7 und nach Süden bis zur SP 59 und zum „Reiskornstrand“ von Mari Ermi. Der heißt so, weil die Sandkörner tatsächlich genauso aussehen wie roher Reis. Wir biegen ab nach Norden auf eine mittelprächtige Piste, an einem Strandsee vorbei und mitten hinein ins Naturschutzgebiet, wo jetzt außerhalb der Saison keine Verbotsschilder zu sehen sind. Nur noch die massenhaft vorhandenen Stangen zeigen, was für ein Schilderwald hier im Sommer stehen muss! Wenige Minuten später haben wir unseren Traumplatz gefunden: Direkt am Wasser mit Blick auf den gesamten, mehrere Kilometer langen Reiskornstrand. Wir machen einen kleinen Strandspaziergang und meine Tinka zückt plötzlich ganz unschuldig ein kleines Glas und sammelt eine Reiskornsandprobe – das kostet hier übrigens 1000 €, wenn man erwischt wird! Wieder zurück steht auf alle Fälle fest: An diesem Traumplätzchen bleiben wir noch einen Tag! Nur mit dem Alleinstehen haben wir uns wohl ein wenig verschätzt, denn wir haben vergessen, dass heute Samstag und für das gesamte Wochenende traumhaftes Wetter angekündigt ist. Das weiß auch der Sarde zu schätzen! Zuerst kommen ein paar Kitesurfer, dann eine alleinreisende Deutsche mit Kastenwagen – die verschwinden auch bald wieder, aber dann geht es langsam los: Es treffen zwei italienische Womos ein, die vor uns mit der „Errichtung“ einer Wagenburg beginnen. Bald darauf kommt ein Wohnwagengespann für die dritte Seite und später ein weiteres zur Komplettierung der Burg. Die ganze Zeit über und auch am Sonntag bis zum Mittag kommen Womos an und suchen sich mitten im Schutzgebiet ein Plätzchen. Zum Glück ist alles so weitläufig, dass sich niemand auf die Nerven geht. Unsere Wagenburgnachbarn huldigen übrigens einem scheinbar typisch sardischen, feinschmeckerischen „Gesellschaftshobby“: Die gesamte Mannschaft zieht an den Strand und sammelt Seeigel, die dann gemeinschaftlich zubereitet und verspeist werden. Bei unseren Nachbarn geschieht das sogar mehrfach an einem Tag, sie scheinen besonders versessen auf diese Spezialität zu sein. Neben einem ausführlichen Strandspaziergang und einem „Frisiertermin“ gibt es bei uns keine anstrengenden Aktivitäten zu vermelden. Am Sonntag beginnt ab 16 Uhr langsam die große Abreisewelle und um 20 Uhr stehen wir tatsächlich komplett alleine an vier Kilometer Küste!

 

Bereits Sonntagabend habe ich gemeint, Flamingos zu hören und heute Morgen bei der Abfahrt sehen wir sie auch auf dem Strandsee – wussten die Tiere etwa, dass Wochenende und somit Hektik am Strand angesagt war? Wir fahren weiter nach Süden durch schachbrettartig (von Mussolini) angelegte Städte und Agrarflächen und ein Feuchtgebiet, das große Ähnlichkeit mit der Camargue aufweist. Dann geht es auf einer schönen, aber kurvigen Strecke hinein ins Gebirge – über Fluminimaggiore und Iglesias nach Domusnovus und zur Grotte di Giovanni, wo wir auf der Zufahrtsstraße von einer Vollsperrung ausgebremst werden. Keine Umleitung, nur ein Bauarbeiter, der deutlich darauf hinweist, dass auch zu Fuß hier kein Durchkommen ist. Dank Kathrin und Google Maps finden wir schließlich noch eine zweite Zufahrt, stehen auch kurze Zeit später direkt vor der Höhle, aber auch vor einer weiteren Baustellensperre. Das besondere dieser Höhle ist ihre Größe: Bis vor nicht allzu langer Zeit konnte man mit dem Auto hindurch fahren, denn es gibt Ein- und Ausgang. Dann wurde die Durchfahrt aus Sicherheitsgründen gesperrt, zu Fuß darf man aber weiterhin hindurch (wahrscheinlich ist die Chance geringer, dass einem Fußgänger ein Stein auf den Kopf fällt – ist schwerer zu treffen als ein Auto!?), das dauert 15 Minuten und ist aufgrund der Größe der Grotte ziemlich eindrucksvoll. Das können wir trotz Sperrung bestätigen, denn Italiener halten ja nichts von Verboten und deshalb hatte bereits irgendjemand dankbarerweise das Gitter soweit beiseite geräumt, dass wir gut durchpassen. Allerdings hat niemand das Licht angeschaltet, so dass man nur so weit hinein kann, wie das Tageslicht reicht – das genügt aber, um einen Eindruck zu gewinnen. Schade, aber nicht zu ändern. Weiter geht es über Vallermosa, Samassi und an Sanluri vorbei zum Parkplatz am Fußballstadion von Barumini. Heute gibt es eine sardische Spezialität mit Namen Culurgiones, das sind Teigtaschen mit Kartoffel-Pelegrinofüllung, „zopfartig“ verschlossen und nur durch Handarbeit zu fertigen. Nun ja, schmecken etwas nichtssagend, haben wir nun auch mal gegessen, aber füllen auf alle Fälle wirklich jede Rundung des Magens!

 

Wir sind schließlich nicht einfach so hierher gefahren, sondern wegen „Su Nuraxi“, der Nuraghe, die seit den 90-ern zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört. Entsprechend ist ihre Besichtigung am kostspieligsten und man kommt nur mit einer Führung hinein. Anschließend besuchen wir noch das im Ticketpreis enthaltene „Centro Giovanni Lilliu“, benannt nach dem Entdecker und ziemlich peinlich: Auch hier wird man geführt, allerdings durch große, fast leere Konferenzräume mit einigen großformatigen Fotos zur Ausgrabungsgeschichte und an einigen Vitrinen mit römischen Fundstücken und wenigen nuraghischen Bronzestatuetten vorbei – da mussten wohl UNESCO-Gelder ausgegeben werden!? Weiter zum Museum, auch im Preis enthalten, das im „noblen“ Palazzo „Casa Zapata“ untergebracht ist. Die „noblen“ Spanier haben reichlich ignorant ihren Palazzo direkt über einer weiteren Nuraghe erbaut. Die späte „Rache“: Der gesamte Palazzo wurde entkernt und man kann nun über Glasboden und Brücken die darunter liegenden Nuraghereste besichtigen. Wir haben genug Zivilisation getankt und müssen dringend in die Natur. Das tun wir, indem wir über Gesturi hinauf fahren zur Hochebene „Giara di Gesturi“. Die Straße endet auf einem Parkplatz, danach ist die gesamte Hochebene nur noch zu Fuß, mit dem Pferd oder dem Fahrrad erreichbar – alles steht unter Schutz. Ich frage beim Wärter nach und wie erwartet dürfen wir selbstverständlich über Nacht hier stehen. Wir besuchen eine weitere, kaum beachtete Nuraghe, die einfach so in der Landschaft herumsteht und sich als „Pronuraghe“ herausstellt, also als Urform dieser Kult-, Wehr- und Wohntürme und die Tafelinschrift überrascht mit der Feststellung, dass es sich bei diesem Bauwerk wohl um die älteste Nuraghe Sardiniens handelt. Weiter wandern wir rund zwei Stunden über die Hochebene und treffen dabei auf die zweite Sehenswürdigkeit der Giara – die kleinen Wildpferde, die es nur hier gibt und die angeblich bereits von den Phöniziern hierher gebracht wurden. Wir hatten aufgrund der Riesenfläche gar nicht zu hoffen gewagt, auf die kleinen Pferdchen zu treffen, aber wir sehen insgesamt 15 von ihnen, außerdem natürlich noch Ziegen, Schafe und Kühe.

 

Nach einer fantastischen Nacht mit tollem Sternenhimmel kommen zum Frühstück noch ein paar Pferdchen direkt am Auto vorbei, bevor wir zuerst zurück nach Barumini und dann weiter auf das Hochplateau von San Vittoria fahren, um das „Olympia“ der Nuraghenvölker zu besichtigen. Hier soll es regelmäßige Zusammenkünfte verschiedener Nuraghenvölker gegeben haben. Dann geht es über Escola und Serri zum Stellplatz mit Entsorgung nach Isili, einem der ganz seltenen kommunalen Plätze auf Sardinien. Der Zustand ist traurig, schade. Es gibt acht große Stellflächen mit Strom- und Frischwasseranschluss, leider total vernachlässigt und zugegeben: Die Lage direkt an der Zufahrtsstraße in die Stadt ist nicht gerade attraktiv. Entsorgen geht aber noch und das tun wir dann auch. Auf bergiger Strecke geht es auf der SS 128 über Nurralao und Laconi nach Atzara und weiter auf der SS 388 über Ortueri und Tadasuni nach Ghilarza. Hier tanken wir an den Überresten eines weiteren Stellplatzes Frischwasser, bevor wir auf die SS 131 einbiegen und eine Abfahrt später über teilweise mäßige Piste zum einsamen Parkplatz an der Kirche San Greca fahren – toll und friedlich, obgleich in ziemlicher Autobahnnähe. Übrigens hätten wir auch hier Frischwasser zapfen können!

 

Heute besuchen wir (wahrscheinlich zur großen Freude einiger bereits genervter Leser!??) einem der letzten Nuraghen. Zuerst geht es überwiegend auf Piste nach Sedilo, dann über Borore und Macomer auf kleiner Straße rund vier Kilometer weit zum Nuraghe Tamuli. Unterwegs fällt uns eine Reihe von Leuten auf, die sich so verhalten wie bei uns im Herbst die Pilzsucher. Sie suchen aber keine Pilze, sondern wilden Spargel, der hier überall wächst (wenn man die Stellen kennt!) und sehr, sehr lecker schmeckt. Weshalb nun besuchen wir Tamuli? Hier gibt es als Besonderheit sechs kunstvoll zurecht behauene Menhire, die wirklich aussehen, als kämen sie direkt aus Obelix‘ Werkstatt. Allerdings sind drei der Menhire, die Gottheiten darstellen sollen, mit jeweils zwei „Huppeln“ auf der Vorderseite versehen – sollen also Göttinnen darstellen. Das sieht jedenfalls alles sehr originell aus, allerdings wie so oft: In der Realität sind die Menhire viel kleiner, als sie auf den Fotos aussehen! Genug – die Küstenmenschen müssen wieder ans Wasser. Also geht es auf der SS 129 nach Bosa und dann auf der kleinen Küstenstraße hinauf in die Berge, also dorthin, wo die letzten Gänsegeier Italiens Ihr Asyl gefunden haben. Hier, über der Steilküste, gibt es keine freien Stellplätze, die wenigen Buchten sind in Privatbesitz und abgesperrt. Aber wir haben wieder einmal Glück, denn einer der privaten Stellplätze, auch noch an einem Restaurant mit fantastischer Aussicht gelegen, ist geöffnet und so stehen wir mit Fernblick über der Küste, das Fernglas griffbereit, sollte sich tatsächlich einer der Geier zeigen, was allerdings sehr ungewöhnlich wäre, da die Tierchen sich mehr in den höheren Gebirgsgebieten hinter der Küste aufhalten. Wir hatten ja bereits unterwegs eine Menge Leute gesehen, die wilden Spargel sammelten. Da wir die Stellen nicht kennen (eine haben wir mal durch Zufall gefunden – den Spargel kann man auch sehr gut roh essen, er ist extrem zart und aromatisch!), kaufen wir welchen, denn der Gedanke an frischen Spargel bekommt man im Frühling nicht mehr aus dem Kopf! Den gibt es heute in Butter gebraten, dazu eine weitere sardische Spezialität, deren Namen wir vergessen haben – so eine Art Hacksteak, mit Käse und Schinken gefüllt. Dann noch sardischen Wein – sehr lecker! Da wir gerade beim Essen sind: Am nächsten Tag besuchen wir das Restaurant, das freundlicherweise bis 17 Uhr offen hat und damit unserer persönlichen Essenszeit sehr nahe kommt: Carpaccio vom Schwertfisch, Muscheln in Weißwein mit viel Knoblauch und Petersilie, Grillplatte, Salat, Pommes und ½ l Hauswein – dazu tolle Aussicht und das Auto nur ein paar Schritte entfernt. Mehr braucht man nicht, um glücklich und zufrieden zu sein! Doch, etwas fehlt noch: Die Gänsegeier!

 

Nach einer stürmischen Nacht füllen wir unseren Frischwassertank noch ein letztes Mal mit frischem, sardischem Gebirgswasser und zuckeln gemütlich bei strahlend blauem Himmel die Küstenstraße entlang. Knapp 10 Minuten später heißt es plötzlich bremsen und Warnblinker an: Über uns schwebt ein Gänsegeier zur Landung auf einem Felsen direkt neben der Straße ein. Kaum hat Kathrin den mit Teleobjektiv hübsch fotogen festgehalten, sehen wir sie auf der anderen Straßenseite: Sechs Gänsegeier kreisen dort majestätisch im Aufwind. Mit Flügelspannweiten von weit über einem Meter erscheinen sie mindestens so imposant wie ein Adler. Tolle Tiere! Irgendwann müssen wir uns losreißen, fahren weiter und stehen zehn Minuten später wieder, denn auf einem der vielen Aussichtsparkplätze steht ein Wohnmobil mit OH – Kennzeichen, das wir bereits kennen: Karen und Jörg sind mittlerweile auch hier angekommen und so wird geklönt und es werden Erfahrungen ausgetauscht. Nach einem kleinen Einkaufsstopp in Alghero (die Stadt soll sehr sehenswert sein, aber ihr kennt ja mittlerweile unsere Einstellung zu Stadtbesichtigungen!) geht es auf der SS127 zum Capo Caccia. Auf dem Endparkplatz, bis zu dem man sich in der Hauptsaison mit einem Reisemobil wegen fehlender Park- und Wendemöglichkeiten gar nicht begeben sollte, ist trotz Samstag nur wenig los. Wir genießen den tollen Ausblick auf die umliegende Felslandschaft, fotografieren viel – so auch die spektakuläre, 665 Stufen umfassende Treppe hinunter zur Grotta di Netturno, verzichten aber auf den Besuch der Höhle, denn auf den Schildern oben sieht es so aus (jedenfalls ohne ausreichende Italienischkenntnisse), als ob (wieder einmal) in der „Nichtsaison“ geschlossen ist und wir haben keine Lust, das erst unten endgültig festzustellen, um dann 665 schweißtreibende Stufen vor uns zu haben!

 

So fahren wir denn über die SS 291 und die SS 131 weiter zum „Monte d’Accodi“, zwischen Porto Torres und Sassari gelegen, und stehen drei Minuten zu spät am geschlossenen Eingangstor. Angeblich schließt die Anlage im Winterhalbjahr um 14 Uhr – wenn dem so wäre, hätten wir auf der einspurigen Zufahrtsstraße unbedingt den Ranger treffen müssen, der hier abgeschlossen hat. So sieht es eher so, als ob heute am Samstag einfach niemand Lust hatte, hier vor leerem Parkplatz (auch abgeschlossen!) „auf Kundschaft“ zu warten. Es sieht auch so aus, als ob hier schon länger niemand mehr war. Pech, denn dieses für uns letzte Nuraghier-Denkmal ist nicht nur extrem alt (5000 Jahre), sondern auch besonders geheimnisvoll, da niemand weiß, weshalb hier eine Stufenpyramide herumsteht. Sie ist komplett anders konstruiert als alle Nuraghier-Gebäude sonst, weshalb Leute wie Thor Heyerdahl Verbindungen zu den Inkas in Südamerika oder den alten Ägyptern nicht ausschließen wollten. Was hilft’s, wir müssen zurück, aber wenden geht auch nicht, denn der Wendehammer liegt innerhalb des geschlossenen Bereiches. Also rückwärtsfahren – mehrere hundert Meter bis zur einzigen Ausweiche, die knapp, aber immerhin ausreichend Platz zum Drehen bietet.

 

Wir wollen noch ein letztes Mal zum Strand, also ab nach Platamona Lido. Dort vermerken aufgeklebte Zettel auf den Parkplatzschildern ein absolutes Halteverbot für Sonntag zwischen 7 – 12 Uhr. Okay, hier findet also irgendwas statt, da wollen wir nicht stören. So fahren wir weiter bis kurz vor Marina di Sorso. Hier führt eine kleine, nagelneue Stichstraße hinunter zu einem noch kleineren Strandparkplatz, der gleichzeitig Wendehammer ist. Keine Verbotsschilder, nur zwei Pkw, also möglichst störungsfrei mit Blick aufs Meer am Rand einrangieren, wir stehen gerade – perfekt! Das sommerliche Wetter muss ausgenutzt werden, also ab ans Wasser und tatsächlich: Der erste Strand auf der gesamten (!) Tour, der fest genug ist, um „ausschreitend“ wandern zu können und das tun wir denn auch – barfuß. Wieder zurück, buche ich die Fähre für übermorgen und wir werden wieder Zeuge des „Sardinienwochenendphänomens“: Bis 18 Uhr will halb Sardinien ausgerechnet auf diesen kleinen Parkplatz, danach ist fast niemand mehr da! Nach einem leckeren, mit Käse gespicktem Schweinefilet in Knoblauch-Joghurt-Sahnesauce bekommen wir am späteren Abend doch noch Nachbarn: Ein alter T3-Postbus mit Hochdach aus der Schweiz kommt „kuscheln“, stellt sich also (wie schon öfter geschehen) direkt neben uns und beginnt, als wir uns ins Bett begeben, lautstark mit dem auf Parkplätzen in ganz Sardinien verbotenen Campingleben: Tisch und Stühle raus, Campingherd raus, laute Unterhaltung und natürlich „ratsch bumm“ – da irgendjemand wohl eine schwache Blase hat, auch öfter nachts. Die gesamte Campingausrüstung wird nicht weggeräumt, sondern bleibt auch noch bis zum nächsten Morgen auf dem Parkplatz stehen – und dann beschweren sich die Leute über Wohnmobilverbote!

 

Am nächsten Morgen beruhige ich endlich mein schlechtes Gewissen und kontrolliere nach langer Zeit wieder einmal den Reifendruck. Wir glauben ja nicht an so‘n Spökenkiekerkram wie „Vorahnung“, aber ich staune doch ein wenig, denn der Reifen hinten links hat nur noch 3 bar Druck – normal ist das nicht! Finden tun wir aber auch nichts. Zum Glück haben wir ja unseren Einbaukompressor, also Druck drauf und erstmal weiterfahren. Es geht weiter an der Küste entlang nach Castelsardo und zum Felsen „l’Elefante“, ein Granitfelsen in Form eines – wer hätte das bei dem Namen gedacht? – Elefanten, der in keinem Sardinienfotoalbum fehlen darf, auch in unserem natürlich nicht! Der Fährhafen und Urlaubsort Santa Teresa gilt unter Womofahrern als der womofeindlichste Ort Sardiniens und so wundern wir uns nicht, dass gleich am Ortsanfang ein generelles Durchfahrtsverbot für Womos steht – mit Ausnahme der Strecke zum Fährhafen und zum Glück nur von Juni bis September. So können wir zum CapoTesta fahren – hier stehen allerdings Durchfahrverbote, die das ganze Jahr über gelten, auch wenn wir im Moment hier komplett alleine sind. Während wir noch vor dem Schild stehen und beraten, kommt die Polizei vorbei und da wir keine Spielernaturen sind, beschließen wir, es nicht darauf ankommen zu lassen, ob die netten Beamten gerade scharf auf 400 € Bußgeld sind oder nicht. Auch vor dem Kap kann man nämlich auf angelegten Spazierwegen die Granitfelsen bestaunen, die durch Wind und Wetter zu verschiedenen Fantasiefiguren geformt wurden und die Sehenswürdigkeit dieser Gegend sind. Aufgrund des frischen Starkwindes fehlt uns leider im Moment die Motivation zu ausführlichen Wanderungen und so fahren wir nach San Reparata, einem vorgelagerten Ort über der Küste und stellen uns dort auf einen riesigen, kaum benutzten Parkplatz, wegen des Windes in eine Ecke gekuschelt. Hier muss ich auch wieder den „Kummerreifen“ mit frischer Luft versehen – irgendetwas müssen wir uns da reingefahren haben! Den Abend verbringen wir mit einer ersten Sichtung unserer Korsika-Infos. Das sieht alles so gar nicht erfreulich aus – die ganze Insel erscheint sehr womofeindlich, also gut, dass wir uns für das tolle Sardinien so viel mehr Zeit genommen haben. Die knapp zwei Wochen auf Korsika werden wir hoffentlich schon irgendwie erfolgreich rumkriegen.

 

Am nächsten Morgen pumpe ich ein letztes Mal den Reifen auf, dieses Mal sicherheitshalber auf 5 bar, damit es auch auf der Fähre ganz bestimmt keine Probleme gibt. Dann fahren wir zum ausgeschilderten Fährhafen und wundern uns: Ein Gitter vor dem Anleger, keine Hinweisschilder, keine Linien fürs Warten, nix! Nach einigen Minuten kommt ein freundlicher Sarde und klärt uns auf. Das hier ist jetzt die Ausfahrt! Wir müssen nochmal „um den Pudding“ und dann durch einen Tunnel zur „Embarkation“, also zum Einschiffen. Weshalb hier keinerlei Ausschilderung zu finden ist, bleibt ein Geheimnis. Als wir aus dem Tunnel kommen, staunen wir zum vorläufig letzten Mal über italienisches Verkehrsmanagement: Der Tunnel endet am Anfang der Wartespuren. Man muss also an den Spuren vorbei bis zum Ende und dann…fehlt tatsächlich ein Wendeplatz, um sich in die Spur zu stellen. Bei Pkw mag das gerade noch gehen, Reisemobile und vor allem Lkw hingegen müssen erst nach rechts bis fast zum Schlagbaum der Kontrollen vorziehen, um dann mehrere hundert Meter rückwärts an den Wartespuren vorbei nach hinten zu rangieren – famos geplant! Um 10.30 Uhr schiffen wir auf der ältlichen Giraglia (Bj. 1981) ein und pünktlich um 11 Uhr legen wir zur 50-minütigen, etwas raueren Überfahrt (hier zwischen den Inseln ist eigentlich immer ordentlich Wind!) nach Bonifacio ab. Sardinien – du warst auf alle Fälle eins der Highlights dieser Tour! Tolle Insel!