Albanien Teil 2

Nach einer kühlen und ruhigen Nacht starten wir gegen 10 Uhr von Boge und fahren auf gleicher Strecke wieder nach Skhoder. Dieses Mal geht es direkt ins Zentrum. Am Platz der Demokratie biegen wir nach links ab, es geht an der Großen Moschee und an der Fußgängerzone vorbei und auf der SH 5 aus der Stadt raus. Über Drin fahren wir nach Mjed und weiter nach Osten bis Lac. Hier biegen wir ab auf die SH 25 in die Berge und nach Koman. Von Koman aus fahren während der Saison verschieden große Fähren nach Fierze. Die zwei- bis dreistündige Fahrt durch die Bergwelt soll fantastisch sein – fast wie eine Fjordtour in Norwegen! Heute morgen habe ich bereits über das extrem schwache Internet versucht, bei der größten Fähre (wegen der Exe: Sicher ist sicher!) für morgen zu buchen. Ich habe lediglich eine Meldung erhalten, dass die Buchung eingegangen sei und sich das Personal melden würde – das war’s dann aber auch bei dem Internet!

Der Zustand der 45 km langen Straße nach Koman lässt doch sehr zu wünschen übrig. Hier besteht noch ordentlich Luft nach oben und es darf ruhig noch nachgebessert werden. Uns fällt ein alter Offroaderspruch ein: Lieber eine gute Piste als eine miese Asphaltdecke! Nach knapp zwei Stunden ist es geschafft. Rund zwei Kilometer vor dem Fähranleger (hier geht es über Land auch nicht mehr weiter!) gibt es ein neues E-Werk und davor, direkt an und unter (!) einer qualitativ eher zweifelhaften Brücke einen kleinen, idyllischen Campingplatz – schon wieder Camping Natyra, bei der Namensgebung sind die Albaner scheinbar nicht sehr kreativ! Oben an der Straße gibt es eine Bar mit Bier vom Fass. Dort steht „el Patrone“ Mario und zapft. Wir suchen uns ein Plätzchen am Stausee und gehen gleich wieder hoch, um ein eiskaltes Bierchen zu zischen. Wir klönen uns fest, erzählen Mario von der „teilweisen“ Buchung der Fähre und schon hat er das Telefon in der Hand, ruft bei der Reederei (keine Ahnung – nennt man das hier so?) an, reicht mir den Hörer und eine nette Dame bestätigt den Erhalt der Reservierung – perfekt! Vor lauter Freude darüber, dass er uns helfen konnte, gibt Mario noch ein Bierchen aus. Bei der Hitze und da wir mittags nicht essen, reicht das völlig, um anschließend leicht beschwingt zum Auto zu schweben.

Wieder im Schatten, versuche ich am Blog weiter zu schreiben, aber irgendwie will das nicht klappen. Kaum sieht die Mutter einer jungen Familie mit Landrover und Dachzelt meinen Laptop, schon kommen wir ins Gespräch: Sie hat die ganzen Baby- und Urlaubsfotos bisher nur auf ihrer Kamerakarte und bis heute keine Möglichkeit gefunden, die Bilder auf einem Stick zu sichern. Klar helfen wir, nur dass ich nicht wusste, dass es sich um mehr als 2800 Bilder mit hoher Auflösung handelt und wir für die ganze Aktion rund 45 Minuten brauchen würden. Nun ist der Akku fast alle – er kann zwar im Auto geladen werden, aber bei den Temperaturen habe ich keine Lust drinnen zu sitzen und zu schreiben. Also muss der Laptop alleine klar kommen und ich schreibe stattdessen Tagebuch mit einem Glas Wein als Belohnung und Aperitif. Der Platz füllt sich gegen Abend mehr und mehr. Plötzlich werde ich hellhörig, denn da kommt etwas gut bekanntes auf den Platz: Der blubbernde Sound eines Achtzylinderdiesels lässt uns beide aufmerksam werden: Ein GMC Pickup mit Bigfoot-Kabine! So einen wollten wir (nee, ehrlich bleiben: Vor allem ich!) uns in den USA kaufen – am liebsten wäre mir allerdings ein Ford F 350 oder ein Dodge RAM 3500 unten drunter gewesen, aber ein GMC ist auch gut!

Schon ist Essenszeit. Der Sohnemann von Mario hat ordentlich Werbung gemacht, der Holzkohlegrill ist in Schwung und nun haben plötzlich viele Leute Appetit – das überfordert ihn zusehends! Die Auswahl ist „gewaltig“: Wer keinen Fisch will, kann zwischen Lamm und Beef vom Grill wählen! Es dauert über zwei Stunden, bis wir unser Essen vollständig auf dem Tisch haben, andere warten noch länger, aber wir haben ja alle Zeit der Welt! Lecker ist es jedenfalls und die angenehm kühle Abendluft tut ihr übriges – ein Glas Wein noch und ab ins Bett!

Kurz vor 8 Uhr stehen wir am nächsten Morgen auf – die meisten Autos und Motorräder sind schon los und wollen auf eine der kleinen Fähren, die bereits um 9 Uhr fahren. Wir haben bis 12 Uhr noch jede Menge Zeit und so versuche ich nach dem Frühstück erneut, an unserem Blog zu arbeiten. Wie schon erwähnt: Das soll irgendwie nicht so recht klappen, denn plötzlich stehen die beiden „Owner“ des GMC Pickups an unserem Tisch und wir kommen sofort ins klönen: Kathi und Dirk aus Dresden/Leipzig fahren auch um 12 Uhr mit der großen Fähre, wir sind uns sofort sympathisch. Dann kommen noch zwei Motorradfahrer, die mit Oldtimer DDR-Maschinen (AWO, Bj. 57 und 61) unterwegs sind, dazu und schon ist es 11 Uhr und wir müssen langsam los, denn um 11.30 Uhr ist „Boardingtime“!

Allerdings kommen wir nur rund 300 m weit, dann werden wir von der Polizei (?), jedenfalls von Leuten in Uniform, auf einen Parkplatz geleitet – die Straße selbst ist mit einem Schlagbaum verschlossen. Große Fragezeichen in den Gesichtern, denn in keinem Reiseführer ist diese Vorgehensweise beschrieben. Wir warten und währenddessen sehen wir, dass die Straße hinter der Schranke nagelneu ausgebaut ist. Gegen 11.10 Uhr kommt Verkehr von oben runter – messerscharf vermuten wir, dass die Fähre angekommen ist. Fünf Minuten später geht die Schranke hoch und wir dürfen weiterfahren. Nun verstehen wir auch, weshalb wir unten warten mussten: Die Straße führt einspurig durch einen Tunnel und direkt dahinter befindet sich der Fähranleger. Zwischen Tunnelausgang und Anleger gibt es noch Platz für die Gäste eines Cafés, das sich an den Berg schmiegt, und das ist alles. Die ganzen Autos für die Fähre hätten nie da mit hin gepasst – macht also Sinn! Keinen Sinn machen die 4 € Tourismussteuer, die mit hochwichtiger Miene von einem Kassierer eingetrieben werden, bevor wir die Fährgebühr bezahlen. Ausführlich diskutieren wir später an Bord, ob das mit rechten Dingen zugeht oder ob da nur jemand eine sehr gute Idee hatte, um sich den Lebensunterhalt zu sichern. Die Quittung sieht auf alle Fälle offiziell aus.

Wir müssen rückwärts auf die Fähre, dann sichern wir uns auf dem Oberdeck einen Platz mit vorzüglicher Aussicht. Kathi und Dirk gesellen sich zu uns und dann staunen wir 2 ¼ Stunden lang auf der gesamten Fahrt über den Stausee…durch den Canyon…sensationell! Das hat sich wirklich gelohnt und so eine Fährfahrt haben zumindest wir noch nicht gemacht. Die ganze Zeit über werden wir von albanischer Folklore aus einem Ghettoblaster begleitet, den eine Reisegruppe aufgebaut hat und ununterbrochen wird dazu, hauptsächlich von den Frauen, getanzt. Wir finden das zu Beginn ganz lustig, nach einer Stunde jedoch wären wir für eine kleine Pause dakbar gewesen – sollte aber nicht sein!

In Fierze angekommen fahren wir auf der SH 22 in einem wunderschönen Tal des Valbones zuerst nach Bajram Curri und dann weiter in den Nationalpark „Lugina e Valbones“ zu einem Restaurant (Rilintja) mit Camping rund 6 km vor Straßenende. Kathi und Dirk sind schon kurz vor uns eingetroffen. Sie hatten uns von dem Platz erzählt, der von einer Amerikanerin, die mit einem Albaner verheiratet ist, betrieben wird. Sie arbeitet aktiv im Nationalpark – unter anderem mit Bären. Kurz nach uns treffen noch Sylvia und Holger aus Jena ein, zwei Mountainbiker mit California Beach, die wiederum bereits vorher Kathi und Dirk kennengelernt hattten. Wir klönen und verabreden uns für 18 Uhr im Restaurant. Dort kommen dann noch René und Matheis dazu, die ihre Räder im Flieger nach Dubrovnik mitgenommen haben und nun auf Rundreise durch den Balkan sind. Es wird ein extrem netter Abend – zuerst beim leckeren Essen (gebackene Ofenkartoffeln, Forelle, scharfe Bratwurst und Salat) mit viel gutem, albanischem Rotwein und hinterher am Lagerfeuer mit Raki bis nach Mitternacht.

Am nächsten Tag verabreden wir uns – allerdings ohne unsere Radfahrer, die auch aus durchaus nachvollziehbaren Gründen nicht an unserem Campfire-Gelage  teilgenommen haben! – zu einer kleinen Wanderung flussaufwärts. Der Wanderweg führt zuerst an einem alten Bauerngehöft vorbei zu einem kleinen See, der zu dieser Jahreszeit allerdings fast ausgetrocknet ist. Weiter geht es an neu gebauten „Guesthouses“ vorbei zur Straße, der wir zu einem kleinen Restaurant mit Camping folgen. 1 ½ Stunden sind nun auch genug, finden wir, und machen es uns bei Bier, Suppe und Salat im „Tradita“ gemütlich. Nebenan rotiert ein – nun ja – etwas großes Lamm über dem Holzkohlefeuer, ein paar Tische weiter spielt jemand auf einem Instrument, das der türkischen „Sass“ sehr ähnlich sieht, allerdings nur zwei Saiten hat…ländliche Idylle! Den Nachmittag verbringen wir individuell, doch um 17.30 Uhr treffen wir uns alle – auch unsere holländischen Radlerfreunde! – wieder im Restaurant und setzen die Völlerei von gestern mit Lamm aus dem Ofen und einer Art Käsepüree mit Paprika und Tomaten fort – mit dem Unterschied, dass der Rotwein heute noch stärker fliesst –  da haben sich die Richtigen gefunden! Wieder sitzen wir bis Mitternacht am Lagerfeuer, durch Zufall stimmt einfach bei uns die Wellenlänge, auch ohne Funk!

Am nächsten Morgen gibt es eine längere Verabschiedung – leider sind unsere Pläne so unterschiedlich (allerdings nicht ganz, wie sich später herausstellt!), dass sich unsere Wege hier teilweise trennen. Die Radler sind schon unterwegs, wir zahlen noch die fast überall üblichen 10 € pro Nacht und sind dann auch wieder auf der Strecke. Es geht zurück nach Fierze, dann auf atemberaubend schöner, allerdings auch enger und kurviger Strecke am Stausee und Wehr entlang bis auf fast 1000 m Höhe hinauf nach Quafa e Malit. Hier treffen wir auf die bedeutend größere, aber ebenfalls kurvige SH 5, die über mehrere Pässe nach Puke führt. Dazwischen werden wir für eine halbe Stunde aufgehalten, denn in irgendeinem kleinen Dorf muss ein unglaublich wichtiger Mensch gestorben sein. Autos und Busse säumen beide Straßenseiten bereits Kilometer vor dem Friedhof. Als wir ankommen, ist die Zeremonie scheinbar gerade vorbei, denn Hunderte von Menschen und alle möglichen und unmöglichen Fahrzeuge machen sich genau in dem Moment, in dem wir diesen Engpass passieren wollen, auf den Weg. Uns bleibt nichts anderes übrig, als einfach mitten auf der Straße zu halten und in Ruhe abzuwarten, bis sich der Auflauf beruhigt hat.

In Puke halten wir am Ortseingang und laufen zu Fuß durch das nette Städtchen, das gerade von Grund auf saniert wird. Die Innenstadt ist für Autos gesperrt und die Straße wird zu einer großzügigen Fußgängerzone umgebaut. Wir finden wieder einen Raiffeisen-Geldautomaten, kaufen noch einige Lebensmittel und schon geht es weiter auf der SH 5 nach Mjede, dann über die SH 28 zur SH 1, der wir nach Süden bis Lezhe folgen. Hier wechseln wir auf die SH 32, die uns zur vorgelagerten Halbinsel bringt. Dort landen wir auf dem von Kathi und Dirk als Treffpunkt vorgeschlagenem Camping Anjano unter Pinien und direkt am Strand. Weiter nödlich sieht es nicht so freundlich aus – Hotel- und Appartementburgen und Öllager – aber hier sieht es schnuckelig aus! Frischer Wind vom Meer, Einlaufbier und eine SMS an Kathi und Dirk, die auf einer anderen Strecke unterwegs waren und eine ¾ Stunde später eintreffen. Hier verbringen wir zusammen zwei (wir sogar drei!) wunderschöne Tage. Wir finden ein tolles Restaurant mit fantastischer Pizza und noch leckererem Raki (wir kaufen je 1 Flasche mit 1,5 Litern!!!), hier schneide ich zum ersten Mal mit zitternden Fingern und ordentlich Lampenfieber Kathrin die Haare – sie hat das ja bei mir schon tausendmal gemacht, so seit rund 40 Jahren! Extra für unsere Tour bin ich bei Kathrins Friseurin „in die Lehre gegangen“. Wir haben einfach meinen Barttrimmer mitgenommen und sie hat mir gezeigt, wie man damit so etwas ähnliches wie einen Haarschnitt hinbekommt. Kathrin lobt mich – was soll sie auch anderes machen? Ansonsten klönen wir Vier viel bei albanischem Rotwein (so langsam „trinkt man sich ein“!)

Nach einem traurigen Abschied (wir haben wirklich eine tolle Zeit zusammen gehabt!) fahren die Beiden in Richtung Tirana, wir machen unsere Räder klar und erkunden ein wenig die Umgegend. An diesem Wochenende (9. September) sind die dreimonatigen Sommerferien der Albaner zu Ende gegangen und damit ist die Feriensaison offiziell zu Ende. Das erleben wir nun hautnah: Im nahen Badeort Shengjin (klingt irgendwie nach China!) sind die meisten Bars, Cafés und Restaurants geschlossen, die Supermärkte werden gerade leer geräumt und die Schirme und Liegen am Strand verpackt. Aber immer noch sind genügend Bars und Restaurants geöffnet, so dass es uns an nichts mangelt. Abends planen wir die Strecke für die nächsten Tage und ändern auch gleich die Ziele: Das „Nationalheiligtum „Kruje lassen wir wegen völlig übertriebener Tourismus-Abzockerei links liegen, ebenso Durres, das wegen Umweltverschmutzung und schlechter Wasserqualität inzwischen einen schlechten Ruf genießt. Tirana interessiert uns (wie die meisten anderen Großstädte auch) nicht sonderlich, aber Elbasan liegt auf der Strecke. Nichts besonderes, nicht übermäßig groß, aber mit sehenswerter Stadtmauer und Resten einer Altstadt. Das passt, da fahren wir hin, aber davon berichte ich beim nächsten Albanienteil.