Sardinien Teil 1

Sardinien! Wow! Was für ein Unterschied: Zuerst fällt uns der Verkehr auf, als wir den Hafen verlassen – die Autos fahren zwar immer noch recht zügig und flott, aber durchaus berechenbar und doch sehr oft richtet man sich sogar nach den Verkehrszeichen, echt entspannend! Die Straßenqualität ist, wenn man über Griechenland, Süditalien und Sizilien hierher gekommen ist, schon fast unglaublich gut. Auf einem der großen Parkplätze am Stadtstrand angekommen, setzt sich der gute Eindruck fort. Es liegt kein Müll herum. Alles ist sauber und aufgeräumt – wir glauben, wir träumen! Auf der dem Land zugewandten Seite liegen ehemalige Salinen und dort stehen Hunderte von Flamingos und brabbeln wie immer vor sich hin. Während des Sonntagsfrühstücks bei geöffnetem Fenster, blauem Himmel und milden 18°C schauen wir dem Treiben auf der Strandpromenade zu: Jede Menge Jogger, Radfahrer, Walker mit und ohne Stöcke, (Roller-)Skater und Flanierer in feinem Sonntagsstaat. Allein ein Blick auf die angesagte Sportkleidung verrät uns, dass hier doch erheblich besser verdient und damit auch finanziell anspruchsvoller gelebt wird als in den bisher besuchten Regionen – sehen und gesehen werden!

 

Nach dem Frühstück füllt sich der Parkplatz um uns herum mehr und mehr – die Städter wollen am Sonntag an den Strand, also machen wir bereitwillig Platz und tuckern an der kurvigen Küstenstraße entlang der Steilküste gen Osten bis Solanas. Hier stellen wir uns jenseits eines Pkw-Parkplatzes (Zufahrt beschränkt auf 2,5t, wen stört das im Winter schon?) an den Strand und halten erst einmal Mittagsschlaf, denn die Matratze in Kathrins Bett auf dem Schiff hat nicht dafür gesorgt, dass sie heute Morgen ausgeruht und erholt aufgewacht ist. Anschließend erfülle ich meine „Blogpflicht“ mit der Fertigstellung und Veröffentlichung vom zweiten Sizilienteil. Kathrin verzieht sich an den Strand und bereitet danach eines der mehr Zeit beanspruchenden Festessen zu: Es gibt gefüllte Paprika (es lebe der Backofen!) mit Reisnudeln und als Absacker den letzten Schluck des hausgemachten Ouzo vom Dorfladen in Glyfa. Nachts stellen wir fest, dass wir auch neben einem Feuchtgebiet stehen, denn hier wird ein ausgiebiges Froschkonzert gegeben.

 

Weiter geht es auf der sehr schönen, gut ausgebauten, kurvigen und bergigen Küstenstraße. Zuerst besuchen wir das Capo Carbonara, dann umgehen wir Villasimius südlich und kurven weiter (toller Ausblick auf die Isola Serpentara) bis zur zehn Kilometer langen Costa Rei, einer der Traumstrände Sardiniens. Wir durchfahren (sehr) zügig die Touristensiedlungen um den Monte Nai und kurven dann etwas hilflos durch den Norden des Strandgebietes, um die laut Reisemobilführer „einsamen Strandparkplätze“ zu finden, die wir uns eigentlich für heute als Ziel auserkoren haben. Nach über einer Stunde geben wir schließlich auf – auch der Norden ist nun zugebaut, der Schreiber war wohl etwas länger nicht mehr hier?! Wir planen um, fahren zurück auf die alte SS 125 und biegen etwas später ab zum Strandparkplatz von Torre di Saline, wieder geht es vorbei an Strandseen mit einer reichlichen Population von Flamingos, und stehen bald – mit Ausnahme der Einheimischen, die auch hier kontrollieren müssen, ob das Meer noch da ist – wieder allein. Das Wetter ist mit über 22°C und einem warmen Lüftchen traumhaft sommerlich, also verbringen wir den Rest des Tages am Strand und erleben nachts wegen der geringen Lichtverschmutzung einen wirklich atemberaubenden Sternenhimmel.

 

Während des Frühstücks bekommen wir Besuch von einer Schaf- und Ziegenherde, die direkt am Auto vorbei auf dem befestigten Holzweg zum Strand zieht – sieht witzig aus und man fragt sich automatisch, ob die zum Baden wollen, aber der Hirte benutzt den Weg am Strand entlang nur als Abkürzung zu den Weidegebieten jenseits des Strandsees. In Mureva machen wir einen kurzen Einkaufsstopp, dann geht es auf der SS 387 (es ist wirklich kaum zu fassen: Alle Straßen sind in hervorragendem Zustand!) nach Ballao. Hier biegen wir auf eine kleine Straße in Richtung Escalaplano ab und knapp fünf Kilometer dahinter geht es links ab über Goni zum Pranu Muttedu, einer steinzeitlichen Nekropole mit unterschiedlichsten Grabtypen und einer Menge Menhire – rund 4000 Jahre alt, sehr sehenswert. Nach gut einer Stunde geht es zurück zur Straße nach Escalaplano und an der Stadt vorbei in Richtung Nurri. Zehn Kilometer später biegen wir auf eine einspurige Betonpiste mit Ausweichen ab (Schottlands Highlands lassen grüßen!) und nun geht es nochmal ungefähr fünf Kilometer bis zum Nuraghe Arrubiu. Wir stehen alleine auf dem großen Besucherparkplatz, zahlen 5 € Eintritt mit der freundlichen Genehmigung, selbstverständlich und gern auf dem Platz übernachten zu dürfen und dem zusätzlichen Hinweis, dass nachts Security auf uns aufpassen wird – sehr nett, wenn auch hier in der absoluten Einsamkeit sicher nicht erforderlich. Dann erhalten wir noch eine laminierte Doppelseite auf Deutsch mit allen nötigen Erklärungen zu dieser beeindruckenden, steinzeitlichen Bastion und dem freundlichen Hinweis auf Deutsch: „Bitte nach Benutzung zurückgeben!“ – so geht umweltverträglich! Die Bastion ist ähnlich wie die vorher besuchte Nekropole rund 4000 Jahre alt und hat die Form eines Pentagons mit fünf Türmen innen und einem Außenwall mit 12 Türmen. Sie war im Laufe der Jahrtausende fast völlig im Erdboden verschwunden und wurde von Archäologen erst in den 90-ern ausgegraben – zum Teil lagen die Mauern über zehn Meter tief im Boden! Sehr, sehr beeindruckend!

 

Ok, wer „Sizilien Teil 2“ gelesen hat: Dort habe ich ausdrücklich geschrieben, dass nun Schluss ist mit alten Steinen, aber da wussten wir noch nichts von den Nuraghiern, dem geheimnisvollen Steinzeitvolk, von dem nicht viel überliefert ist und das einfach deshalb, weil niemand schreiben konnte. Sardinien ist voll von ihren alten Kultstätten, Türmen und Quellheiligtümern und da können und wollen wir uns nicht einfach dran vorbeischleichen – ich meine: Nochmal 2000 Jahre älter als die Römer und wer z. B. die Bastion gesehen und besucht hat, ist überrascht, was die alten Barbaren so alles drauf hatten!

 

Wieder eine Nacht unter eindrucksvollem Sternenhimmel – wo sollte hier auch Lichtverschmutzung herkommen? – und Kathrin kann morgens sogar den Sonnenaufgang direkt neben der alten Burgruine fotografieren (aus dem „Badezimmerfenster“ und ohne das Auto verlassen zu müssen), bevor wir nach dem Frühstück zurück nach Escalaplano fahren. Von hier geht es auf schöner Bergstrecke über Perdasdefogu nach Jerzu, der Hauptstadt des Cannonau, des bekanntesten Rotweins Sardiniens. Um 12.30 Uhr stehen wir an der Cantina Soziale „Antichi Poderi“, einer Kooperative von mehr als 300 Weinbauern, die sich hier zusammengeschlossen haben, um ihren Wein geneinsam zu vermarkten. Da wir – wieder einmal! – völlig allein hier sind, ist man zuerst auch nur bereit, uns einen einzelnen Wein probieren zu lassen, denn die Flaschen muss man für uns extra öffnen. Nach 15 Minuten Gespräch mit Händen, Füßen und ein wenig Englisch ist alles plötzlich gar kein Problem mehr und wir müssen den guten Mann bremsen, dass er nicht auch noch eine der ganz teuren Flaschen aufmacht, nachdem wir ihm „erzählt“ (?) haben, dass wir Weinen aus Barrique-Anbau eher skeptisch gegenüber stehen. Egal, wir verlassen die Vitivinicola schließlich nach gründlicher Verkostung mit je einem Karton zweier hervorragender Weine plus einer alten Colaflasche mit frischem Tavola. Nun tuckern wir an Cardedu und Mussedu vorbei zum offiziellen Stellplatz am Strand kurz vor Marina di Gairo. Im Gegensatz zur Ankündigung ist hier allerdings alles dicht und so stellen wir uns einfach so an den Strand. Die Polizei kommt gerade vorbei und grüßt freundlich – alles klar! Kurze Zeit später kommt zuerst ein Alleinreisender mit einem Alkovenmobil und kurz darauf steht plötzlich ein weiterer Alkoven neben uns – Kennzeichen: OH! Logisch, dass wir schnell ins Gespräch kommen: Karen und Jörg kommen aus Lensahn, sind auf Zeit (?) ausgestiegen und nun seit April in Europa unterwegs. Den Abend verbringen wir klönend und leeren dabei die „Colaflasche“ mit dem frischen Tavola – der muss ja schließlich auch frisch getrunken werden!

 

Wir sind nun wieder so lange unterwegs, dass wir nichts gegen einen Campingplatz einzuwenden haben, vor allem, weil einer der wenigen offenen Plätze hier in der Nähe ist und auch noch gut ausgestattet und hervorragend gelegen sein soll. Außerdem ist für die nächsten Tage Spitzenwetter mit weit über 20°C angesagt. Also geht es über Bari Sardo am Lido Orri entlang nach Tortoli und von dort weiter nach Arbatax zum Camping Telis. Wir werden nicht enttäuscht: Sehr gepflegt, Stellplatz ein paar Meter über unserem „eigenen Privatstrand“ mit „eigener“ Treppe mit toller Aussicht über die Bucht und Porto Frailis bis zum Torre und dem dahinter liegenden Spaggio di Cei mit seinen roten Porphyrfelsen – ein Traum! Hier machen wir nun für vier Tage Station. Wäsche waschen, ver- und entsorgen, Stadt-, Markt- und Hafenbesuch, unterwegs zu Fuß und mit dem Rad, grillen und sonnen, sonnen, sonnen – einschließlich dem ersten Sonnenbrand im neuen Jahr trotz genügender Vorbräunung – sollten wir da eventuell etwas übertrieben haben?

 

Damit wir uns wieder an das Nomadenleben gewöhnen, fahren wir nach den vier Tagen weiter, allerdings nur ein paar Kilometer bis an die Pineta vom Strand in Girasole. Weshalb? Für heute Abend ist Sturm mit mehr als 100 km/h angesagt, insbesondere in den Bergen, wohin die Straße uns zwangsläufig führt. Hier, zwischen den Dünen und jeder Menge Bewuchs an den Strandseen, ist es außerordentlich gut geschützt. Hier „reiten“ wir den Sturm ab. Da wir Zeit haben, macht Kathrin heute eine besondere Lasagne – und zwar mit Pistoccu, dem sardischen „Knäckebrot“ der Hirten. Nein, Knäckebrot ist das nicht. Der Hefeteig wird jedoch zweimal gebacken, ist sehr dünn und hat eben eine ähnliche Konsistenz. Es ist sehr lange haltbar, aber der große Unterschied: Feuchtet man das Brot an, so wird es weich und fluffig – die Hirten tun das, in dem sie das Brot auf ihren Eintopf legen, meine Kathrin, in dem sie das Brot mit Wasser benetzt. Damit erhält sie weiche Teigfladen, die sich hervorragend anstelle der Nudelplatten verwenden lassen. Das Ergebnis ist eine sehr gleichmäßig gegarte Lasagne, in der die Flüssigkeit gut verteilt ist – einfach perfekt und lecker! Dazu gibt es eine Flasche Cannonau aus unserem Vorrat – passt!

 

Unsere Rechnung geht auf: Der Sturm lässt uns in Frieden, später in den Bergen erzählt man uns von einem wirklich heftigen Sturm in der letzten Nacht, also alles richtig gemacht! Es geht auf der SS 125 über Baunei und Urzulei hinauf in die Supramonte, die uns sozusagen von Ost nach West quer im Weg liegen. Kurz vor Urzulei halten wir an der Soz. Grithas, einer Spezialmolkerei für Ziegenmilch und decken uns mit neuem und altem Ziegenkäse sowie frischem Joghurt ein. Nächster Halt nach der Passhöhe auf 1017 m ist an der Ruine der ehemaligen „Cantonia Bidicolai“, von der aus man einen schönen Blick auf den Eingang der extrem engen Schlucht „Gola di Gorropu“ hat. Nun geht es hinunter nach Dorgali. Nach dem Ort biegen wir auf eine kleine Straße in Richtung  Nordwesten ab und fahren zum Nuraghierdorf „Serra Orios“, das wir um 12.30 Uhr erreichen. Die Kassiererin spricht deutsch und begrüßt uns mit „Ihr seid sicher Touristen, denn sonst wüsstet ihr, dass ab 13 Uhr hier Siesta ist und wir schließen“. Sicher wissen wir das mit der Siesta, aber bisher musste man nur zusehen, dass man bis 13 Uhr seine Tickets in der Tasche hatte, aber hier macht man das ganze Gelände einfach dicht! Gnädigerweise gibt sie uns eine Verlängerung bis 13.10 Uhr und dann müssen wir uns seit langer Zeit einmal wieder richtig beeilen – wir wussten schon gar nicht mehr, wie das geht, was’ne Hektik! Aber wir schaffen das und sind auf die Minute pünktlich wieder zurück – mit uns zwei weitere Partien, übrigens nur Deutsche!

 

Weiter geht es zum Gigantengrab „S’Ena e Tomes“, das nur vier Kilometer weiter an der SS 131 liegt. Vom kleinen, nicht gerade sehr großzügig beschilderten Parkplatz geht es durch ein Gatter über einen rund 500 m langen, liebevoll gepflegten und mit auf dem Boden ausgelegten Pfeilen aus Steinen versehenen Wanderweg zum eindrucksvollen Grab – sehr sehenswert. Weiter geht es auf der SS 131 nach Orune, um den Ort herum und auf einspuriger Asphaltstraße, die letzten 500 m auf Feldweg zum rund fünf Kilometer entfernten Brunnenheiligtum „Su Tempiesu“. Wie bei vielen anderen Sehenswürdigkeiten, so wird auch diese Stätte inzwischen von einer Kooperative geführt. Um den rund einen Kilometer langen und 150 Höhenmeter überwindenden Pfad zum Tempel interessanter zu gestalten, hat man den Weg nach unten als botanischen und den Weg nach oben als zoologischen Naturlehrpfad gestaltet. Das Brunnenheiligtum selbst ist ebenfalls wieder sehr eindrucksvoll – wenn man bedenkt, dass wir von den Nuraghiern noch überhaupt nichts gehört hatten, als wir auf die Insel kamen! Nach einer guten Stunde fahren wir wieder zurück nach Orune und über Bitti zum „Complesso Nuraghico Su Romanzesu“, dass wir über einen 2,8 km langen, einspurigen Abzweiger von der SS 389 aus erreichen. Für heute ist es genug und außerdem zu spät, um die alte Siedlung zu besichtigen. Wir stellen uns auf den Parkplatz und fragen (wie es sich schließlich auch gehört) nach, ob wir hier übernachten dürfen. Das gelingt besonders leicht, da eine der Mitarbeiterin Deutsche ist. Pünktlich um 17 Uhr verlassen alle Mitarbeiter das Gelände und wir stehen alleine in der stillen Natur. Nein, Halt, stimmt nicht ganz: Wir werden bewacht von „Raketa“, einem kleinen…hmm…ähh…Terrier (?), also auf alle Fälle einem Hund, dem das ganze archäologische Gelände (und mehr) zu gehören scheint. Als wir am nächsten Morgen aus dem „Schlafzimmerfenster“ schauen, hat sich Raketa seinen Schlafplatz zwischen Trockensteinmauer und Exe genau unter dem Fenster eingerichtet und brav auf uns aufgepasst.