Albanien Teil 1

Albanien! Wir sind wirklich da – das letzte Land Europas, das wir noch nicht bereist haben, sondern immer einen Bogen darum machen mussten und als freies Reisen hier möglich wurde, da waren wir immer irgendwo in Übersee. Nun also endlich hier! Vom Grenzübergang sind es nur 15 Minuten Fahrt bis zum Camping Legjenda am südlichen Stadteingang von Skhoder mit direktem Blick auf die Burganlage Rozafa, aber davon später mehr. Der Platz hat noch den Ruf, ein Sammelpunkt der Overlander entweder bei der Einreise oder aber vor der Ausreise aus Albanien zu sein. Da Albanien aber schon seit längerer Zeit kein Geheimtipp mehr und die touristische Entwicklung inzwischen schon gut vorangekommen ist, wird und kann dieser Platz dem Ruf nicht mehr gerecht werden. Außer ein oder zwei typischen Fernreisemobilen (ein Allrad-LKW, ein Landrover mit Dachzelt) steht hier alles, was man auf einem stinknormalen Campingplatz in Zentraleuropa auch sehen kann. Es gibt einen Swimmingpool, eine Bar, ein Restaurant und ein Hotel, mehrere Waschmaschinen (das freut auch uns!) und sogar zwei Trockner. Ansonsten ist es brütend heiß, es geht kein Lüftchen und wir sind in Sekunden schweißgebadet. Die Schattenplätze sind alle besetzt, in der Sonne weiter braten wollen wir nicht, für ein Bier ist es noch zu früh, also machen wir uns stadtfein und laufen ins Zentrum, das nach gut 40 Minuten Fußweg erreicht ist. Mit ein Grund ist, dass man am Sonntag eine Stadt ein wenig in Ruhe kennenlernen kann – es ist nicht so hektisch und der Reiseführer spricht von chaotischen Zuständen, die werktags herrschen sollen. Ein weiterer Grund: Wir brauchen Bargeld und das zieht man am besten aus einem Geldautomaten.

Unser erster Eindruck der fünftgrößten Stadt Albaniens – ach ja, nur noch zur Info: Wir schreiben hier nichts auf (bzw. ab), was sowieso in jedem Reiseführer steht, dort nachlesen möge der interessierte Leser bitte selbst: Wir fühlen uns wieder auf eine andere Art vertraut mit dem Leben hier, das ist sozusagen unser „anderes Zuhause“ wie in den Philippinen – quirliges Leben, Dreck und Müll, Armut (in keinem Reiseführer werden die Slumhütten der Müllsammler direkt an der großen Halde nur ein paar Autominuten vom Stadtzentrum entfernt erwähnt!), aber auch viel Lebensfreude, Gelassenheit und Freundlichkeit. Niemand ist aufdringlich, die Menschen reagieren auf unsere Anwesenheit sehr entspannt und durchaus selbstbewusst. Recht zufrieden und mit 20000 Lek aus dem Geldautomaten der Raiffeisenbank (!) sind wir zwei Stunden später wieder zurück. Nach einer ausgiebigen Dusche probieren wir das sehr romantisch-idyllische Restaurant des Campingplatzes aus, dessen Küche wirklich zu empfehlen ist. Erwähnenswert ist nicht nur die gute Qualität des Essens, sondern auch das trotz Stadt niedrige Preisniveau, denn 18 € für zwei große Bier als „Aperitif“ sowie ein zweigängiges Menü inklusive Wein, Espresso und Raki für uns Beide – das ist doch extrem erfreulich!

Die Nacht ist dann ein wenig unruhig. Bis 1 Uhr nachts hämmert uns eine orientalisch angehauchte Disco der Nachbarschaft die Ohren voll. Nach einer Stunde Ruhe gibt es ein Feuerwerk direkt neben dem Platz. Damit auch alle Leute wach werden, gibt es nach 15 Minuten die scheinbar nötige Zugabe. Weitere 15 Minuten danach beginnt eine Disco dann mit europäischer Musik (beruhigender Techno mit mindestens 180 Beats!) ihr Alternativprogramm. Beim Rausschmeißer (Perfect von E Sheeran) kommt dann das junge Pärchen im Zelt unter unserem Schlafzimmerfenster auf romantische Ideen, kommt so richtig in Schwung und übt zwischenmenschliche Beziehungen. Dagegen ist ja absolut nichts einzuwenden, aber weshalb ist Zeltern eigentlich so gut wie nie klar, dass der Begriff „Zeltwand“ nichts, aber auch gar nichts mit einer Wand zu tun hat!?

Schließlich endet die Nachtruhe auch noch unerwartet schnell, denn ab 6 Uhr entlädt sich ein kräftiges Gewitter über der Stadt – also wird drinnen gefrühstückt. Bis 10 Uhr hat sich das Regengebiet verzogen und wir machen uns wieder auf den Weg in die Stadt. Das im Reiseführer versprochene Chaos empfinden wir absolut nicht so – es ist nach unserer Einschätzung bestenfalls lebhaft! Wir suchen einen Telecomladen auf, besorgen uns eine Prepaidkarte für 4 GB Internet, Kostenpunkt 4 €, und laufen die im Reiseführer angegebenen Highlights ab. Neben den üblichen Verdächtigen (Kirchen, Moscheen, Museen…) finden wir die Fußgängerzone besonders interessant – relativ groß, viele Cafés, größtenteils liebevoll restauriert, viel junges, studentisches Leben, einfach nett. Negativ fallen uns die vielen, frei herumlaufenden Hunde auf. Wir bemerken aber auch, dass alle diese Hunde Ohrmarken besitzen – irgendwie sind die registriert oder so. Später berichtet man uns, dass die Hunde mit Ohrmarken irgendeine Form von Besitzer haben, der für die notwendigen Impfungen aufkommt. Andere Hunde sehen wir hier in der Stadt tatsächlich nicht – sie werden weggefangen. Was man mit denen tut, wollte oder konnte man uns nicht sagen. Das Stadtzentrum befindet sich rings um den Platz der Demokratie, genau dort setzen wir uns für eine Pause in ein Café und gucken Leute – herrlich! Anschließend machen wir uns auf den Rückweg und – als wenn wir es nicht besser wüssten! – laufen in der größten Mittagshitze hinauf auf den Burgberg, um die Burganlage Rozafa zu besichtigen. Reichlich fertig erreichen wir schließlich das Kassenhäuschen, drücken unsere 400 Lek ab und dürfen danach noch den einen oder anderen Höhenmeter überwinden, bis wir schließlich an der imposant großen Anlage stehen. Die Aussicht von dort oben ist beeindruckend (hier kam früher keiner so schnell unbemerkt vorbei!) und Kathrin schafft es sogar, ein Foto zu schießen, auf dem man mit viel gutem Willen Exe erkennen kann. Wieder auf dem Campingplatz angekommen nehmen wir dankbar das Angebot eines Bades im Swimmingpool wahr – plötzlich erscheint einem der Pool nicht mehr als dekadenter Luxus! Den Abend beschließen wir mit einem nochmaligen Besuch des Platzrestaurants.

Gegen 10 Uhr verlassen wir Skhoder, nicht ohne vorher noch einmal vollzutanken. Info dazu: Es gibt fast keine Tankstellen, die Karten akzeptieren. Nicht durch die Kreditkartenzeichen an den Säulen irritieren lassen, denn die meisten Säulen sind „Second Hand“ aus Europa gekauft und die Zeichen stammen noch aus dieser Zeit. Überall gibt es noch den Luxus eines Tankwarts, der anschließend auch gleich direkt am Auto kassiert. „Eurodiesel“ oder „Blue Diesel“ heißen die Qualitäten, die der Zentraleuropäer in den Tank lassen sollte (< 10 ppm). Inzwischen gibt es eine Reihe von Tankstellen, die gar keinen anderen Diesel mehr verkaufen. Es ist also kein Problem, mit modernen Dieseln nach Albanien zu fahren, wenn man vorher den Adbluetank gefüllt hat – jedenfalls haben wir das und so können wir nichts zur Verfügbarkeit sagen. Wir fahren nach Norden fast komplett durch die Stadt (von wegen Chaos!), am Skhodra Lake vorbei bis zwei Kilometer vor die Grenze, dann biegen wir rechts ab auf die nagelneu und komplett asphaltierte SH 20, die schnell in Serpentinen auf 770 m ansteigt (tolle Ausblicke auf den See), danach wieder auf 300 m in ein Tal  abfällt und an einem Flussbett entlang nach Tamare führt – ein Ort mit gerade einmal 800 Einwohnern, aber einer eigenen Fußgängerzone! Danach steigt die Straße wieder auf 1200 m an, um dann kurz vor der Grenze nach Montenegro wieder in das Tal von Vermosh auf 1000 m abzufallen. Hier ist es ländlich idyllisch, viel Grün und ein grandioses Bergpanorama: „Amphitheater der albanischen Alpen“. Die Straße endet hier im Dörfchen Vermosh in einer Sackgasse. Fast jedes Haus hier bezeichnet sich als „Guesthouse“ mit Café, Restaurant und Campingplatz. Das ist „ein wenig“ übertrieben, denn schaut man an den vollmundigen Schildern vorbei, dann sieht man ein Häuschen auf einer Wiese mit Schafen und/oder Kühen und/oder Schweinen und davor ein bis zwei Tische mit Stühlen und einem Sonnenschirm. Noch etwas ist bemerkenswert: Wir sind alleine, also das einzige Reisemobil hier. Bei ein oder zwei der sogenannten „Restaurants“ steht ein albanischer PKW und einige Menschen sitzen dort und essen, das ist alles – so geht es doch auch!

Wir entscheiden uns für das unserer Meinung nach idyllischste Häuschen, bei dem wir sehen können, dass Leute dort sitzen und essen, also das auch geöffnet ist und fahren auf die Wiese. Sofort stehen die Gäste an unserem Wagen und ein Gespräch kommt in Gang. Fast alle haben irgendetwas mit Zentraleuropa oder Nordamerika zu tun – die einen sind ehemalige Gastarbeiter und jetzige Staatsbürger aus Belgien, Deutschland und Luxemburg oder deren Ehepartner, der Helfer des Gast-/Landwirts war 22 Jahre in Michigan, USA und besonders viele kommen aus Italien. Hier in den Bergen merkt man, dass der Sommer langsam dem Ende entgegen geht, denn es beginnt nachmittags schon öfters zu regnen und 18°C (nachts sogar nur 11°C!) sind doch schon eine andere Ansage als die 33°C weiter unten im Flachland. Nach einem etwas längeren Schauer setzen wir uns unter einen Schirm, trinken ein Bier und lassen uns von einer belgischen und einer amerikanischen Albanerin die Speisekarte übersetzen, während mir der amerikanisch-albanische Helfer eine deutsche Karte überreicht und gleichzeitig auf Englisch die Übersetzungskünste der Frauen kommentiert – schön bunt, aber im Detail nicht immer ganz klar! Wir ordern Salat, Brot des Hauses, Weißkäse, Pommes und 1 kg Lamm (!) und begeben uns nochmal ins Auto. Zur Essenszeit sind inzwischen alle Gäste außer uns gegangen und so sitzen wir ganz allein im Restaurant. Bedienen tut uns der Hausherr – der einzige, der nun überhaupt keine Fremdsprache kann und so verläuft die Unterhaltung etwas stockend. Das Essen ist sehr lecker, auch die Menge von 1 kg Lamm wird klar, denn hier wird das Lamm nur in grobe Teile gehackt, also mit einer Menge Knochen serviert. Wir werden übermütig und bestellen lokalen Wein – ein eindeutiger Fehler. Der Chef stellt uns eine 1,5 l Plastikflasche, in der sich vormals Wasser befand, auf den Tisch und notiert den Preis auf meine Serviette: 15 LEK soll der Wein kosten, umgerechnet 12 Cent, das konnte doch nicht sein!? Doch der Preis war tatsächlich so niedrig – was dann auch für die Qualität des Weines galt, denn so etwas hatten wir bisher noch nicht getrunken! Da der Wirt zusieht, lächeln auch wir, prosten ihm zu und leeren ein kleines Glas während des Essens mit Mühe zur Hälfte. Wer uns kennt ahnt, wie es um die Beschaffenheit des Weines bestellt sein muss, wenn wir uns so aufführen!!  Der abschließende Raki ist hingegen von einer derart überzeugenden Qualität, dass wir ihm einen halben Liter abschnacken, den er uns in eine kleine Wasserflasche abfüllt. Nur Wiese, Schafe, Kühe, kaum Hunde, die Lärm machen und schon fällt meine Kathrin bei der Kühle in den Schlafmodus und wir bereits um 20.30 Uhr ins Bett.

Beim Abschied am nächsten Morgen bekommt jeder von uns ein großes Glas selbstgemachten Joghurt in die Hand gedrückt, das wir unter den kritischen Augen des Wirts wegputzen müssen – superlecker! Dann geht es wieder auf gleichem Weg zurück zur Hauptstraße nach Shkoder (nicht, ohne dass wir am ersten Müllbehälter die Lammknochen, die wir sozusagen als „Doggiebag“ mitbekommen haben und die 1 ½ Liter Wein entsorgen), der wir nach Süden bis Koplik folgen. Hier biegen wir wieder ab in die Berge, es geht nun in Richtung Tal von Theth – UNESCO-Weltkulturerbe und eines der touristischen Highlights Albaniens und der Offroadszene, denn die letzten 15 km dieser Straße sollen ziemlich herausfordernd sein. Wir sind wegen der vielen Touristen, die sich nach Theth herauf kutschieren lassen, etwas misstrauisch, was uns wohl erwarten wird. Das auch, weil wir noch auf der Hauptstraße eine Unwetterwarnung erhalten haben – da hatten wir noch Internetverbindung. Zuerst bemerken wir aber, dass die Straße, obwohl asphaltiert, bedeutend schlechter ist als die Straße nach Vermosh. Nach rund 8 km zweigt die Straße nach Theth ab und die Qualität wird besser. Hinter Boge (950 m) geht es über beeindruckende Serpentinen hinauf zum Pass in 1780 m Höhe – mit tollen Aussichtspunkten. Rund 100 Höhenmeter unter dem Pass ändert sich das Wetter allerdings dramatisch. Nebel kommt auf, der bald so dicht ist, dass wir die Straße kaum mehr sehen können und dann beginnt es auch noch zu regnen! Hinter dem Pass beginnt die Piste, die wir nun kaum sehen können, außerdem kommen uns alle paar Minuten Geländewagen mit atemberaubender Geschwindigkeit entgegen – dass sind die Profifahrer, die ihre Gäste bei dem Sauwetter schnell wieder in ihre Resorts bringen wollen. Nach rund 5 km stoppen wir und gehen in uns: Theth ist hauptsächlich ein lohnendes Ziel für Bergwanderer – da haben wir Flachländler eigentlich nichts mit am Hut. Dann war da die Unwetterwarnung, die scheinbar zu Recht ausgegeben wurde, in den nächsten Tagen soll es weiter Gewitter geben, wir können nichts sehen, die Verrückten, die uns entgegen heizen, es schüttet, was die Befahrbarkeit der Piste auch nicht gerade verbessert…. Komm, lass uns umdrehen! Das tun wir dann auch und fahren zurück nach Boge. Hier gibt es ein kleines Camp (Alpin) und dort gibt es auch sauberes Bergwasser für den Tank, der nach Wasser schreit. Wifi gibt es auch, so dass wir wieder einmal Kontakt mit Kaddi und Axel aufnehmen können, hier unten, auf der Bergwiese, gibt es auch besseres und vor allem trockenes Wetter – passt!