Von Ulaanbaatar zum Ögii-See

Da unser Guesthouse zwar viele Besucher, aber nur drei Duschen hat, stehen wir bereits gegen 6 Uhr auf und haben damit auch genug Zeit zum Packen. Um 7.45 Uhr meldet sich dann unerwartet schon Itgel und berichtet, dass er mit unserem Auto direkt unten an der Tür steht. Also runter mit den Koffern, dann erfolgt die Übergabe des Wagens.

Da unser Hilux Champ fast nagelneu ist, meinte Itgel, wir bräuchten kein Abschleppseil – das sehen wir anders. Außerdem haben wir zusätzlich ein kleines Zelt gebucht, nur für den Notfall und das fehlt auch noch. Da wir zunächst quer durch die Stadt zur Immigration wollen, um dort unsere Aufenthaltsgenehmigung zu verlängern, wird er dorthin kommen und nachliefern… Okay, wenn das bei dem Verkehr hier klappt? Unser „Champ“ ist wirklich extrem einfach ausgestattet: Fensterkurbel, Tacho, eine Steckdose, Sonnenblende für den Fahrer, eine Ablagebox, Licht an und aus, ebenso Scheibenwischer…das war es eigentlich. Luxus ist ein frisch an diesem Wochenende eingebautes Radio mit Bildschirm und Rückfahrkamera sowie die Automatik, die im Gelände unserer Meinung nach nur gute Dienste leistet! Gegen 9 Uhr fahren wir los. Aus den Wohnvierteln im Zentrum raus zu kommen ist das fahrtechnisch anspruchsvollste Problem, denn hier sind die Straßen eher Gassen und komplett zugeparkt.

Dann sind wir bereits am Sukhbaatar-Platz, also mitten drin. Die Menschen hier halten sich jedoch, entgegen der schlimmen Erzählungen, im Großen und Ganzen an die Verkehrsregeln, sind relativ rücksichtsvoll und vorsichtig. Einzige Ausnahme ist das ewige Gehupe. Das nervt und bringt auch nix, weil man ja gar nicht weiß, wer mit dem Getröte gerade gemeint ist.

Auf der Peace Bridge

Einige Staus später und nach der Peace Bridge sind wir gegen 10.15 Uhr an der Immigration. Wir haben uns natürlich vor der Abreise informiert: Man benötigt ein Passbild, bezahlt und 15 Minuten später ist alles erledigt. Im Office ist fast nichts los, also sind wir doch extrem positiv gestimmt, dass das hier nur ein Klacks wird. Schon kommt die erste von vielen, vielen weiteren Überraschungen: Eine nette Beamtin erklärt uns freudestrahlend, dass die Verlängerungen seit Jahresbeginn online gestellt werden müssten, das wäre für die Touristen ja auch einfacher. Ja, wäre es, wenn wir das gewusst und bereits von zu Hause aus hätten erledigen können! War aber nun nicht und als sie uns das Handy mit der Homepage zeigt, können wir nur dumm gucken, denn die ist auf mongolisch. Die Beamtin interpretiert unseren Gesichtsausdruck richtig und meint freundlich, sie würde das für uns übernehmen, greift sich mein Handy und legt, ohne weiter zu fragen, los. Ihr Arbeitstempo macht uns schwindlig: Sie tippt wie wild, fotografiert unsere Pässe, nimmt unsere Kreditkartenzahlung entgegen, fotografiert die Quittung, drückt mir ein Blatt Papier in die Hand und „befiehlt“ mir eine Anfrage zu schreiben, legt eine bereits fertige Anfrage eines spanischen Paares dazu und meint, ich solle die einfach kopieren. Brav wie ich bin, tue ich das auch. Dort steht etwas von „Reiten lernen und  mehrtägige Touren machen“- das wollen wir zwar gar nicht, aber wenn es denn hilft!? Sie nimmt mir das Papier aus der Hand, lacht und meint, sie hätte nicht „copy“ sondern „Example“ gemeint. Also nochmal das Ganze, nun aber ehrlich. Schließlich ist sie zufrieden, noch unterschreiben und um 11 Uhr sind wir durch.

Draußen wartet Itgel tatsächlich mit Abschleppseil und Zelt. Wir verabschieden uns und machen uns auf zu „Nomin“, einem der größten Supermärkte hier im Land. Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass das dauert, aber um 13.30 Uhr sind wir fertig und 30 Minuten später stehen wir 12 km weiter am Fluss Tuul in einem beliebten Naherholungsgebiet. Zwei Stunden lang wird nun eingeräumt, dann gönnen wir uns ein Bier (leider ungekühlt). Auf dem Feldweg oben (inzwischen wissen wir, dass so etwas in der Mongolei eine Verbindungsstraße ist!) ist erstaunlich viel Verkehr – ist uns aber egal, gegen 20 Uhr liegen wir im Bett und hoffen, dass wir nichts Wichtiges vergessen haben.

Am nächsten Morgen liefere ich den ersten Aufreger des Tages: Man hatte uns gewarnt, die Seitenklappen der Campershell sollten mit beiden Händen geöffnet werden, da die Gasdruckfedern neu und sehr kräftig seien. In einer Hand die Kaffeebecher, locker mit der anderen den Knauf gedreht und schon erhalte ich von der hochschnellenden Klappe einen sauberen Haken unter die Unterlippe! Platzwunde, es tropft ordentlich Blut und Kathrin hat gut zu tun, mich medizinisch zu versorgen – Lehrgeld! Dann geht es ans Tagesgeschäft. Da es noch keine Routinen gibt, dauert alles natürlich länger, aber wir entdecken bereits den ersten Vorteil der nicht genutzten, hinteren Ladefläche: Das ergibt eine gute Arbeitsfläche für Kocher und Co.

Die Halterungen für Kamera und Navi, die Stromversorgung für alle vorhandenen Verbraucher… das alles dauert und so kommen wir erst gegen 11.30 Uhr los. Die ersten 25 Minuten nutzen wir eine Abkürzung und die hat es bereits in sich: Aufgrund des Verkehrs gestern nehmen wir an, das wäre wohl entsprechend ausgebaut – denkste! Es geht durch Baustellen, über kleine, zum Glück trockene Flüsschen und mehr als einmal denken wir, hier würde es nicht mehr weiter gehen. Auf dieser Strecke entsteht ein Spruch, der eigentlich fast täglich fällt: So lange uns ein Toyota Prius entgegen kommt, funktioniert es auch für uns.

Einschub: Rund 80 % der mongolischen Fahrzeuge sind Toyota Prius mit Rechtssteuerung, also Gebrauchtwagen aus Japan. Das letzte Mal hatten wir so etwas in Georgien. Mit den Autos fahren die Mongolen fast überall hin. Man hat 200 km schlimmste Piste hinter sich, ist stolz, dass man das ohne Allrad geschafft hat und dann steht da in der absoluten Wildnis an einem Ger (Jurte) ein Prius!

Schließlich erreichen wir die zuerst vierspurige A 301 nach Westen, also wieder Asphalt. Natürlich ist auch diese Straße mit Schlaglöchern unterschiedlichster Größe übersät und es herrscht ordentlich Verkehr, aber je weiter wir aus Ulaanbaatar raus kommen, um so ruhiger wird es.

Ogoo oder Stupa stehen oft am Straßenrand, hier wird um Beistand für die Fahrt gebeten

Kurz nach 13 Uhr geht es dann 65 km später links ab zum Hustai Nationalpark, der Heimat der erfolgreich nachgezüchteten Przewalski Pferde. Der 17 km lange Zubringer ist für uns die erste mongolische Überlandpiste: Immer gibt es drei bis fünf Pisten, die mehr oder weniger in die gleiche Richtung führen.

Wir sind dankbar, dass wir neben Maps.me und Google Maps noch unser Navi dabei haben, das uns als Richtungsweiser und Kompass dient. Mongolen sagen, man suche sich einfach eine der Pisten aus, die einem gut und geeignet erscheinen – fahren nach Bauchgefühl sozusagen. Um 13.40 Uhr erreichen wir tatsächlich den nördlichen Parkeingang.

Hier gibt es ein Infocenter und ein Resort. Wir statten dem Manager einen Besuch ab, kaufen Tickets für den Park sowie die Erlaubnis für die Nutzung von Klo, Dusche und Stellplatz und fahren anschließend knapp zwei Stunden lang durch den Park. Zuerst sehen wir Murmeltiere, Lämmergeier und weitere Greifvögel, bevor wir nach dem vorletzten Parkplatz tatsächlich auf eine Mutter-Kind-Herde der seltenen Urpferdchen stoßen.

Am letzten Parkplatz schließlich stehen ein paar freiwillige Parkmitarbeiter mit zwei fest ausgerichteten Fernrohren: Eines zeigt weitere Wildpferde, das andere zwei Hirsche.

Landschaft des Nationalparks

Auf dem Rückweg kreuzt noch ein einsamer Hengst die Piste und kurz vor der Rückkehr ins Camp sehn wir noch Erdhörnchen.

Wir sind die einzigen Individualtouristen heute, im Restaurant werden eigentlich nur die Gruppen abgespeist. Es braucht die „Autorität“ des Managers, um uns einen Platz zu sichern, dann gibt es (ohne Auswahlmöglichkeit) Hähnchenkeule mit Gemüse und Reis und zwei Chinggis Khan vom Fass. Wir sind zufrieden und liegen gegen 21Uhr totmüde im Bett.

Den nächsten Tag machen wir hier Pause, denn das Wetter ist zu gut und die Landschaft nimmt uns gefangen – das wollen wir noch einen Tag genießen. Morgens werden wir von einem Bimobil Husky überrascht, der neben uns einparkt. Aufgesattelt auf einem Toyota Landcruiser und mit mongolischer Zulassung macht er uns neugierig. Der Besitzer reagiert auf unsere Ansprache nicht zu freundlich, immerhin können wir ihm entlocken, dass er Bayer ist, eine mongolische Frau hat und in Deutschland eine weitere Husky Kabine besitzt, dort allerdings „natürlich“ auf einem Mercedes G. Außer einem kleinen Spaziergang über die nächsten Berge machen wir heute nicht viel.

Vor dem Essen genießen wir noch ein Altan Gobi Bier, laut einem uns beratenden Mongolen das beste Bier der Mongolei! Abends gibt es dann das zweite Gruppenessen: Gulasch mit Gemüse, vielen Oliven und Reis. Würden wir noch einen dritten Tag bleiben, dann gäbe es wohl wieder Hähnchen.

Bevor wir am nächsten Tag losfahren, wollen wir noch unsere Brauchwasservorräte auffüllen. Unser Champ hat vorne auf dem Dach einen kleinen Wassertank, etwas großspurig als Außendusche bezeichnet – geht tatsächlich per Schlauch, Gardena-Anschluss und Duschkopf, wird von uns bisher dafür aber nicht genutzt. Gestern wurden wir schon von Dem angesprochen – einem hellen Jungen, der uns anbot, uns das Infocenter zu erklären. Das hatten wir inzwischen selbst erledigt, aber nun möchte er uns beim Auffüllen helfen. Zusammen mit einem Kollegen reißen sich die Beiden fast ein Bein aus: Wir werden ans Wasserhaus gelotst, Schlauch raus und aufs Dach gelegt -leider reicht der Druck nicht. Schlauch wieder weg, dann werden 5 Liter-Wasserflaschen gefüllt und mit deren Hilfe die Wassernot beseitigt.

Gut 30 Minuten später haben wir den Asphalt erreicht und es geht auf relativ guter Strecke, tiefenentspannt und bei wenig Verkehr bis zum ersten Abzweig der A 27. Wir wollen zum Ögii (auch Ugii) Nuur, einem der größten und beliebtesten Seen der Mongolei. Es gibt auch ein etwas älteres Hinweisschild, allerdings untypischerweise nur eine einzige Piste. Egal, steht ja dran, also fahren wir ab und nach nicht einmal einem Kilometer stehen wir vor einem unüberwindbaren Graben. Obgleich diese Straße dick auf unserer Landkarte eingezeichnet ist, war das wohl ein Satz mit x – unsere erste Erfahrung mit der hiesigen Navigation! Okay, fünf Kilometer weiter ist die nächste Zufahrt und die sieht schon vertrauenswürdiger aus, denn hier gibt es wieder die vier bis sechs Auswahlpisten. Also mutig ans Werk! Wow, 20 Kilometer ohne Allrad auf Pisten, die weitaus schlimmer sind, als die Zufahrt zum Nationalpark. Mehr als einmal wechsele ich die möglichen Fahrspuren, es geht durch Weichsand, durch Wasserlöcher, über Steinfelder… aber es kommen immer noch Prius‘ entgegen! Nach einer Dreiviertelstunde kommt endlich der See in Sicht und eine weitere halbe Stunde am See entlang (die Strecke ist noch schlimmer!) durch Schlammlöcher erreichen wir einen netten Familienstrand mit Booten, einigen Touristen-Ger-Camps, aber auch Pferde-, Rinder-, Schaf- und Ziegenherden. Stühle raus, Bierchen! Dann bauen wir auf, Kathrin kocht auf unserem Einflammenkocher „Mais-Thunfisch auf Nudeln“ – einfach, aber lecker dank Chili, Knoblauch und anderen Zutaten. Man muss eben das Beste draus machen.

Vorbeugendes Räucherfeuer mit getrocknetem Pferdedung wegen der Fliegen

Um 20 Uhr kommt das nächste Erlebnis: Wir hatten uns schon eine Stunde vorher über die kleinen, weißen Flieger gewundert, die in großen Mengen über unseren Köpfen schwirrten. Nun aber fliegen Myriaden (anders kann man das nicht nennen) um uns herum. Sie beißen nicht, sie sind nur einfach überall, auf dem ganzen Körper, in allen Körperöffnungen, die für sie zu erreichen sind… und sterben dann sofort. Innerhalb kürzester Zeit haben wir überall Leichenberge – auf der Motorhaube, dem Zelt… und soviel, dass man sie mit einer kleinen Schaufel wegschippen kann. Die einzige mögliche Erklärung, die wir haben: Paarung und danach sterben die Männchen??!! Wir flüchten jedenfalls schnellstens ins Zelt und sehen uns das Schauspiel von drinnen an.

Es folgt ein weiterer Ruhetag am See. Zuerst beseitigen wir die Fliegenleichen, dann ergänzt Kathrin unsere Campershell um eine umlaufende Wäscheleine, so dass Hand- und Küchentücher sowie Lappen etc. nun einen festen Platz haben. Ein neues Thema taucht auf: Der Toilettengang! Wir haben uns bereits aus Deutschland ein extrem kompaktes Tütenklo mitgebracht, das zusätzlich gebuchte Zelt soll als Sichtschutz dienen. Nun aber bekommen wir mit, dass hier sehr viele Plumpsklos in der Gegend herum stehen – siehst du erstmal eins, dann siehst du alle! – und das probiere ich doch gleich mal aus…Oha, „Lebensgefahr“: Über einer mehrere Meter tiefen Grube (!) werden Bretter gelegt, darüber das Klohaus errichtet. Ein Brett in der Mitte wird weggelassen, die Lücke muss man also treffen. Es gibt Millionen von Fliegen, keinerlei Sauerstoff, dafür betäubendes Methan und keine Haltegriffe. Die Bretter sind in diesem Fall schon leicht morsch. Was tun? Tür auf jeden Fall offen lassen, am Rahmen festhalten und in halber Hocke das tun, was getan werden muss. Ich bin in dieser Hinsicht nicht so leicht zu erschüttern, aber eine halbe Stunde habe ich anschließend schon gebraucht, bis Puls und Blutdruck wieder auf Normal liefen. Neben Planung und faulenzen passiert dann nicht mehr viel. Abends räumen wir zügig ein – das Fliegendrama wollen wir nicht noch einmal erleben. Als wir bereits im Bett liegen, kommt tatsächlich jemand zum Kassieren vorbei, denn der Strand gehört zum Nationalpark – 1,25 € können wir aber gerade noch verschmerzen.