Kharakorum bis Ulaangom

Unser „Notdurftzelt“ schwächelt. Wir haben zwar ein ganz modernes Airzelt mitbekommen, leider ist einer der Schläuche undicht, so dass das Teil alle fünf Stunden in sich zusammenfällt. Na ja, mit ein wenig Pumpen kann man es nutzen! Nach dem Packen geht es wieder für mehrere Kilometer (wie schon im letzten Beitrag beschrieben) auf miesester Piste zurück und anschließend weiter zur Südseite des Sees. Auf diesem Teilstück muss wettertechnisch einiges los gewesen sein, denn laut Navi liegt die eigentliche Piste im See! Drüben ist schon viel mehr Tourismus angekommen. Hier gibt es eine Menge Ger-Camps (also Jurten-Camps), außerdem Restaurants und sogar ein oder zwei Fastfood-Buden. Ab hier ist die Piste auch wieder „normal“ befahrbar und so erreichen wir nach etwas mehr als einer Stunde Fahrt immer gen Süden endlich wieder Asphalt.

Die Straße wurde von den Türken gebaut, denn sie führt von Kharakorum (eigentlich Kharakorin, so heißt der moderne Ort!) nach Norden zu den Begräbnisstätten von Bilge und Kul Tegin, zweier türkisch-stämmiger Khans. Das schauen wir uns natürlich an, dann geht es weiter nach Kharakorum.

Kurze Erklärung hierzu: Kharakorum war einmal die berühmte Hauptstadt des mongolischen Reiches. Davon ist heute allerdings außer einer steinernen Schildkröte nichts mehr zu sehen. Kharakorin liegt nebenan und dort liegt auch das Kloster Erdene Zuu, unter dessen Foto ganz oft eben „Kharakorum“ zu lesen ist, weswegen ich das jetzt auch tue. Um 13 Uhr stehen wir auf dem Parkplatz vor dem Kloster. Wir schauen uns an, denn ein winziger Teil eines unserer ältesten Träume wird wahr. Wir wollten immer einmal den Kharakorum-Highway befahren. Durch Afghanistan-Krieg etc., etc., etc. ist das alles in Vergessenheit geraten, aber nun stehen wir wenigstens am Endpunkt unseres alten Traumes – never say never! Wir zahlen 10000 T Eintritt (2,50 €) und sehen uns das Museum wie auch den kleinen, noch aktiven Teil des Klosters an. Es ist überhaupt nichts los hier. Entweder ist Kharakorum für den „modernen“ Tourismus nicht mehr interessant genug oder wir haben einfach nur Glück.

Nach einem Einkauf in einem großen, modernen Supermarkt (Beobachtung: Ein mongolischer Supermarkt besteht zur Hälfte aus Naschkram und Alkohol!) suchen wir einen Platz für die Nacht. Es gibt hier immerhin so viel Tourismus, dass wir keine Lust haben, irgendwo frei unser Zelt aufzuklappen. I-Overlander bringt die Lösung und nur wenige Minuten später stehen wir etwas außerhalb „im Grünen“ am Monksuuri Guesthouse, einem Ger-Camp mit Restaurant und nagelneuem Sanitärbereich. Wir werden in eine Ecke neben dem Zuhause des Wachhundes gelotst, Stellplatz inklusive Sanitär kosten 3,75 €. Zuerst gönnen wir uns aber ein eiskaltes Bier im Restaurant und klönen uns dabei gleich mit einem weiblichen Tourguide fest. Es gibt wieder viele Tipps – und immer ist der Heimatort des erzählenden Mongolen der schönste und wichtigste Ort (auch wenn es nur ein kleines Kaff in der Gobi ist!), den man unbedingt nicht verpassen darf! Danach duschen wir uns den Staub vom Körper und dann essen wir leckere Buuz – mit Fleisch gefüllte „Riesentortellini“ (wirklich groß: Fünf reichen und man ist proppevoll!) mit einem kleinen Salat.

Dabei klönen wir mit einem etwas frustrierten Neuseeländer, dem Kunden des Tourguides (äh, der Tourguidin!?), der sich das hier in der Mongolei irgendwie anders vorgestellt hat. Da es noch eine weitere Touri-Gruppe gibt, fragt man uns, ob wir nicht auch an der abends stattfindenden Vorführung mongolischer Sanges- und Tanzkunst teilnehmen wollen. Eigentlich halten wir nichts von solchen „Cultural Shows“ aber was soll’s? Wir werden nicht enttäuscht, denn es handelt sich wirklich nur um eine halbstündige Vorführung eines Lehrers mit seinen jungen Schülern (einem Mädchen und einem Jungen) zu traditionellen Instrumenten wie Pferdekopfgeige und mongolischer Zither. Die Schülerin führt zwei typische Tänze vor, der Lehrer beherrscht die verschiedenen Kehlkopfgesänge – das Ganze vorgeführt ohne viel Schnickschnack, war gut.

Am nächsten Morgen zahle ich für vier Biere (die haben hier übrigens immer 0,5 l) zwei Essen, Stellplatz und Dusche gerade einmal 20 €! Wir fahren auf mäßigem Asphalt zuerst nach Tsenkher. In der Nähe gibt es heiße Quellen, da soll man hin. Brav fahren wir auch die ersten 3 von 25 miesen Pistenkilometern. Dann halten wir an und fragen uns, was wir dort eigentlich wollen? Bei 26° heiße Quellen besuchen? Da uns dazu weiter nichts mehr einfällt, drehen wir um und fahren zu unserer Asphaltstraße, der A 602, zurück und fahren weiter nach Tsetsorlog. Bei dem ewigen Staub hier fehlt ein wichtiges Zubehör – ein Feger! – und den bekommen wir tatsächlich hier. In Kharni Gol erwischt uns der erste Starkregenschauer der Tour und man kann sagen: Wenn es hier regnet, dann regnet es! Kurz danach kommt die erste Zahlstelle der Tour. In unregelmäßigen Abständen stehen auf den großen Fernstraßen Kassenhäuschen mit Schranke und an jeder muss man genau 1000 T zahlen, also rund 25 Cent. Sofort danach hört der Asphalt auf und es geht auf nicht zu guter Piste über den ersten Pass. Der Asphalt danach wird immer wieder von abenteuerlichen Pistenabschnitten unterbrochen – an diesen Stellen muss es zur Schneeschmelze richtig übel zur Sache gehen. Aber man tut etwas, denn bald folgt eine drei Kilometer lange Baustelle und nach Durchquerung derer mürben Piste gleiten wir entspannt zum Canyon View Point am Churut River, wie schon so oft ein „Grand Canyon“, dieses Mal der Mongolei.

Wir erreichen Tariat und beginnen nach dem Tanken mit der Suche nach einem Stellplatz. Hinter Tariat liegt der „Weiße See“, einer der Touristen Highlights auch für Mongolen. Hier ist alles fest in Ger-Camp-Hand: Der Uferbereich ist überwiegend abgezäunt (soviel zur zaunfreien Mongolei!), die Bereiche am Ufer dazwischen sind matschig. Auf Nachfrage schickt man uns zur anderen, vom Ufer entfernten Straßenseite. Dort liegt ein Picknickplatz am Berghang, dort sollen wir hin. Am Hang ist es logischerweise schief, also kurven wir etwas länger, bis wir einigermaßen gerade stehen – dafür allerdings mit eigenem Grillplatz und Pavillon. Die Aussicht auf den See ist von hier oben auch gut, baden wollten wir sowieso nicht, denn der Wind ist kühl – schließlich stehen wir auf über 2000 m Höhe. Kathrin kocht Nudeln mit Dosenrindfleisch und Hot Letscho, danach gibt es einen Wodka zum Aufwärmen und anschließend geht es mit langer Unterhose und Wollsocken ins Bett.

Beim Frühstück am nächsten Morgen schaue ich mir ein Schild an, dass wir gestern übersehen haben und dort steht auf Englisch (!), dass man hier auf keinen Fall übernachten darf – nun gut, dann hätten wir das auch geklärt. Um 10 Uhr geht es weiter. Unsere Landkarte, die wir ja neben Maps.me, Google Maps und Garmin zur Navigation nutzen, zeigt, dass wir von nun an mit Piste zu rechnen haben – und zwar für mehr als 500 km! Wir sind also vorbereitet, aber dann kommt wie an jedem Tag bisher wieder eine  große Überraschung: Der Asphalt ist fast schlaglochfrei. Nach einer Stunde kommt zwar noch eine Härteprobe – der Salongolyn Davaa (Davaa heißt Pass, wie wir inzwischen wissen), der auf mieser Piste bis auf 2600 m ansteigt, aber anschließend wird es in jeder Beziehung fantastisch.

Die Straße entwickelt sich qualitätsmäßig zum „Superhighway“ und die Landschaft ist traumhaft schön: Flussauen, Koniferenwälder, blühende Wiesen, die Farben, dazu Yakherden….einfach toll!

Über Ilek-Uul und Tosontsengel (Tankstopp) „fliegen“ wir nun auf Superstraße zum Telmen Nuur (Nuur heißt See). Hier entsteht gerade der erste Campingplatz, den wir bisher gesehen haben. Tolle Einrichtung, alles modern ohne Ende, aber leider ist er noch nicht eröffnet. Also stehen wir wieder frei in Strandnähe auf 1800 m Höhe. Wir richten uns auf den ewigen mongolischen Wind aus und drehen noch einmal eine 90° Kurve – der kriegt das scheinbar sofort mit und dreht sich auch. Also geben wir auf, bauen Tisch und Stühle auf und gehen ins Internet.

Einschub: Internet ist das Stichwort! Gegen die Mongolei ist Europa und erst recht Deutschland Entwicklungsgebiet!!! In der ganzen Mongolei (mit Ausnahme unbewohnter Gebirgsregionen und der tiefen Gobi) gibt es durchgehend Internet mit 4G-Abdeckung! Es ist wirklich unglaublich: Man fährt 100 km abenteuerlichste Piste, kommt an einen einsamen See, umgeben von Hochgebirge, steht mutterseelenallein in der Gegend, schaut auf sein Handy und hat 4G mit mindestens drei Balken! Das ist nach inzwischen 2500 km Mongolei immer noch so und wir glauben, dass es auch auf dem Rest der Tour so bleiben wird, denn so langsam nähern wir uns wieder UB!

Zurück – wir gehen also ins Internet. Vor ein paar Tagen haben wir eine Mail von der Immigration (auf mongolisch) erhalten, die ich bisher ignoriert hatte, da ich der hoffnungsvollen Meinung war, es wäre die Bestätigung unserer Visa-Verlängerung. Nun nehme ich dann doch die Übersetzer-App und erschrecke, denn die Mail ist ein automatisierter Hinweis, dass unser Anliegen nicht weiter bearbeitet werden kann, da die nette Beamtin bei Kathrin das T durch ein R ersetzt hat! Ich möge doch das bitte online korrigieren und noch einmal erneut absenden. Nun komme ich ins Schwitzen, denn die Homepage und was dazu gehört, ist ja relativ neu. Der Start klappt noch, aber dann wird es schwierig, denn wenn man auf den einen oder anderen notwendigen Link klickt, dann ist die öffnende Seite plötzlich nur noch auf mongolisch und man hat keine Ahnung, wie es denn nun weiter geht. Als ich denke, ich habe es geschafft, denn dort habe ich einen Button, auf dem „Bearbeiten“ steht, gefunden, kann ich diesen aber nicht anklicken und es kommt noch dicker, denn wenn ich die Passnummer eingebe, erhalte ich als Antwort „unbekannt“! Ich bin frustriert, wir brauchen mongolische Hilfe! Abends vollbringt Kathrin in der „Küche“ wahre Wunder – wie gesagt, wir haben keine Kühlmöglichkeit! Aus einem Wurstfehlkauf (mit Schmelzkäseeinlage!), Möhrchen und Fussili zaubert sie ein extrem leckeres Pfannengericht, geht doch alles und lindert meinen Frust erheblich!

Am nächsten Tag stehen wir um 7.45 Uhr auf – ich bleibe gleich liegen, denn nun versuche ich der leidigen Geschichte mit der Immigration mit Tablet und Tastatur beizukommen. So kann ich richtig tippen und nicht nur auf dem Bildschirm rumwischen. Das nutzt aber auch nix, also Zelt abbauen, Frühstück und weiter geht’s. In Numrug besuchen wir zwei direkt nebeneinander liegende Dorfsupermärkte. Was der eine nicht hat, bietet der andere an – auch eine Überlebensstrategie! Bei der Auffahrt auf den Asphalt kommen wir noch an einem Motorradunfall vorbei: Das Krad liegt auf der Straße, bewacht von einem Polizisten mit Leuchtstab, sonst weit und breit kein Mensch zu sehen. Neben der Straße gibt es heute Interessantes zu sehen: Kraniche, mindestens 15 Geier und der erste mobile Blitzer unserer Tour. Hinter Sogino gibt es „endlich“ wieder einmal 20 km kaputte Straße, bevor direkt vor uns die ersten Kamele die Straße kreuzen. Anders als in Nordafrika gibt es hier nur die kälteresistenten Trampeltiere (offizieller Name!) das sind die mit den zwei Höckern. Kurz darauf erreichen wir den Salzsee Chjargas Nuur. Zelt aufschlagen und bereits um 20 Uhr liegen wir im heute extrem warmen Bett. Die Nacht wird unruhig, denn der Wind entwickelt sich zu einem veritablen Sturm, wird dabei aber kaum kälter – weniger als 20° sind heute nicht drin und mehr als vier Stunden ruhiger Schlaf leider auch nicht!

Zuerst bauen wir heute das Zelt ab – wer weiß, wann der Wind wieder zulegt!? Tut er aber nicht und so frühstücken wir in Ruhe und stressfrei. Gut 10 Minuten benötigen wir zurück auf den erstklassigen Asphalt, dann gibt es „Kamel-Sightseeing“ – hier gibt es eine Menge davon auf und neben der Straße.

Kurz vor Naranbulag steht sogar ein Schakal am Straßenrand. Im Ort tanken wir nach mehr als 400 km ohne Tankstelle (!) randvoll und 30 Minuten später checken wir im Ulaangom Hotel für 185000 T pro Nacht (45 €) ein. Das Zimmer ist großzügig, besitzt eine eigene kleine Küche und ein Bad mit Dusche. Hier wollen wir zwei Tage bleiben und einiges erledigen – und das möglichst zu Fuß.

Erste Erkenntnis: Niemand spricht Englisch, aber Jeder/Jede hat ein Smartphone mit Übersetzer-App. Kathrin findet bei Google einen Hinweis, dass es in der Cityhall eine Tourist-Information gibt. Also gehen wir zuerst dorthin. Ratlose Gesichter, alle geraten zwar nicht in Panik, aber doch in große Unruhe. Man möchte unbedingt helfen, weiß aber nicht, wie! Als wir uns gerade bedanken wollen, erbarmt sich eine junge Frau, bedeutet uns, ihr zu folgen und bringt uns über die Straße zur Distriktverwaltung.

Hier wiederholt sich zu Beginn das Spiel, bis plötzlich ein Mann die Verwaltung betritt, der sofort umringt wird, denn scheinbar wissen alle, dass er ein wenig Englisch kann. Er bekommt mit, dass wir an touristischen Angeboten interessiert sind und ruft einen Freund an, der auch nach wenigen Minuten da ist und in gutem Englisch fragt, wie er denn helfen könne. Er heißt Nasa („like the rocket center in USA“) und ist selbstständiger Englischlehrer mit eigenem Schulungsraum nebenan (als staatlicher Lehrer verdient man zu wenig!). Wir würden gerne eine Tour zum nahe gelegenen und für seinen Vogelreichtum berühmten Uvs Nuur unternehmen. Das geht nur mit ortskundigem Guide und vor allem mit Allrad. Ja, er könne das tun – aber nur am Wochenende und sonst gäbe es hier niemanden. So lange wollen wir nicht warten, schade. Aber als er den Fehler macht und nachfragt, ob er uns sonst irgendwie helfen könne, fällt uns unser Visa-Problem wieder ein. Er meint, es gäbe hier zwei Immigration-Beamte, da würde er uns jetzt hinbringen. Der Erste ist in Urlaub, aber der Zweite hat Pech – der ist da! Nach 1 ½ Stunden Beratung inklusive telefonischer Hinzuziehung der netten Beamtin aus UB ist klar: Das Problem ist scheinbar unser europäisches Handy, das sich nicht mit der Software des Online-Zugangs der Immigration versteht. Alle versichern, dass nur wir persönlich die kleine Änderung vornehmen können. Was tun? Nasa hat die zündende Idee: Wir gehen zu seinem Schulungsraum, denn dort steht sein Laptop. Also marschieren wir dorthin und wer würde es glauben? Nach 15 Minuten ist der Fehler korrigiert und die automatische Rückmeldung bestätigt nach einigen Minuten, dass jetzt alles in Ordnung ist. Uns fällt ein Riesenstein vom Herzen. Selbstverständlich laden wir Nasa zu Bier („I love beer!“) und Essen ein – es gibt Tsuivan, also Nudeln mit Fleisch und Gemüse, hauptsächlich Kohl. Wir tauschen noch Telefonnummern aus, dann verabschiedet er sich – schließlich hat er auch noch Kind und Ehefrau! – und wir werfen uns im Hotel auf die Betten, zwar groggy, aber hochzufrieden mit dem Verlauf des Tages.

Wir hatten es uns schon gedacht, aber beim Besuch des hiesigen Museums sehen wir an der Uhr der Rezeption, dass wir wahrscheinlich schon seit ein oder zwei Tagen bereits eine Zeitzone näher an Zuhause gerückt sind. Das wird hier, anders als in Europa, ziemlich unkompliziert geregelt. Jeder weiß das, also lebt man einfach eine Stunde hinterher. Wir bleiben bei unserer UB-Zeitzone, das eine Stündchen kann man sich ja einfach „wegdenken“. Die frühzeitlichen Grabartifakte, im Reiseführer groß angekündigt, hätten wir fast übersehen, ansonsten ein niedliches, provinzielles Heimatmuseum.

Ich kümmere ich mich danach erst einmal um den Blog und Kathrin sich um unsere Fotos, weiter passiert  nicht mehr viel… doch: Um 21.34 Uhr erreicht uns die automatische Meldung, dass unsere Visa-Verlängerung genehmigt ist und wir bei jeder Immigration im Land unseren Verlängerungs-Ausreise-Stempel erhalten können. Das ging jetzt aber wirklich schnell!