Die Nordroute

Noch vor dem Frühstück hat Kathrin eine Idee: Wenn doch gestern Nacht bereits die Genehmigung unserer Visaverlängerung eingegangen ist, weshalb nutzen wir nicht unser hier erworbenes Wissen: Wir kennen den Immigration-Officer, er uns auch. Wir  wissen, wo sein Büro ist und das ist gleich gegenüber – weshalb nicht gleich hier unseren Stempel abholen, wenn das doch überall geht? Ich zögere noch einen Moment, denn nach dem ganzen Theater ist mir noch nicht wieder nach Beamtenhölle, aber sie hat ja recht, also gehen wir nach dem Frühstück rüber und werden freundlich begrüßt. Ich halte dem guten Mann die Genehmigungsmail unter die Nase, er nickt und 15  Minuten später haben wir unsere Stempel in den Pässen.

Unser Dachtank wird vom freundlichen Hotelpersonal per Gießkanne gefüllt, unsere Vorräte durch einen Großeinkauf im hiesigen Nomin, der außer dem Supermarkt auch gleich einen ganzen Basar auf zwei Stockwerken parat hält. Eineinhalb Stunden später sind wir auf der A 1702 gen Norden unterwegs.

Flughafen Ulaangom

Der Asphalt wird wieder schlechter, aber es ist immerhin noch Asphalt. Die Straße führt nach Norden zur russischen Grenze, da wollen wir aber nicht hin. Der Reiseführer weist deutlich darauf hin, dass man, so man näher als 100 km an die russische Grenze kommt, ein spezielles Permit braucht. Das ist absoluter Blödsinn und die Mongolen, die wir gefragt haben, können sich nicht einmal mehr an die Zeit erinnern, als das nötig war. Wir biegen rund 60 km davor nach Westen auf die A 16 ab.

Von hier ab ist Schluss mit Asphalt und die Strecke, der wir nun folgen, nennt sich „The Northern Route“ und geht immer nach Westen im Abstand von rund 50 km entlang der russischen Grenze bis Ölgii und ist 380 km lang, was wir aber im Moment des Abbiegens noch nicht wissen .

Was wir auch nicht wissen ist, dass es auf der Strecke auch keine Tankstellen gibt. Zuerst geht es wieder mal rauf auf einen Pass mit atemberaubender Aussicht.

Kurz danach fallen wir auf das angeblich so sichere Maps.me rein, dessen Navigation meint, zu unserem Tagesziel, dem Üreg Nuur, sollten wir doch rechts abbiegen, dann hätten wir anstelle von 56 km nur 24 km zu fahren. Ha, ha, reingefallen! Nach 20 km endet die Piste an einem kleinen Tal kurz vor dem See und auf der anderen Seite geht es gar nicht mehr weiter! Um den See herum führt noch etwas, das so aussieht, als könne es eine Piste sein, aber dann müsste man um den ganzen See herum fahren, um wieder auf die Northern Route zu kommen.

Bis hierher und nicht weiter!

Da die Strecke bis hierher schon eindeutig 4X4 war (es kam kein Prius mehr!) und schon einige zum Glück trockene Flussdurchquerungen zu bieten hatte, tun wir das einzig vernünftige und kehren um. Nach 40 km Umweg erreichen wir also wieder unsere Passstrecke und die ist weiterhin abenteuerlich genug.

Die Geier warten schon!

Um es mit dem Komiker Johann König auszudrücken: Dies ist eine große Hauptstraße, das muss man sich nur immer wieder sagen! Irgendwann erreichen wir den Bergsee Üreg Nuur tatsächlich und sind versöhnt, denn uns erwartet ein fantastischer Stellplatz direkt am See und ein „Einlaufbier“. Heute gibt es Tiefkühl-Buzz mit Joghurtsauce, denn wir hatten ja erst mittags eingekauft. Abends ist noch Vogelgucken angesagt: Weiße Löffler, Fisch- und Weißreiher, Singschwände, Kraniche und Kormorane.

Wegen der morgens sehr aktiven Mücken bauen wir das Zelt ab und frühstücken weiter oben in sicherer Entfernung zum See. Plötzlich nähert sich eine Pferdeherde und auf einmal haben wir Besuch: Drei berittene Nomaden, die die Pferde zum Tränken an den See führen. Ein normaler Smalltalk ist natürlich etwas schwierig, aber wie immer geht es mit Händen und Füßen voran und ein paar Fotos sind natürlich selbstverständlich immer drin.

Weiter geht es auf der „Hauptstraße“ A 16. Als wäre die Pistenqualität noch nicht problematisch genug, kommt nun auch noch Regen dazu.

Zum Glück ist der nur von kurzer Dauer und ein Kampf zwischen Adler und Schwarzen Milanen, der direkt neben und um unser Auto herum geführt wird, entschädigt ein wenig. Eine knappe Stunde danach – wir sind inzwischen aus den Bergen raus!- wird es richtig abenteuerlich. Plötzlich haben wir Weichsand auf der Piste, links und rechts Schilf. Wir sind also am Ortaa-Shyogyotyoy Gol (Gol heißt Fluss), der hier ausgerechnet mäandert, sich also kurzfristig und direkt dort, wo die Straße entlang führt, in vier kleinere Flüsse aufteilt. Den ersten furten wir noch ohne größere Probleme – wir warten einfach in Ruhe, bis ein Einheimischer kommt, und folgen seinem Weg durchs Wasser. Über den zweiten Fluss führt tatsächlich eine kleine 5 Tonnen- Brücke, aber dann werden wir von einem Einheimischen angehalten, der uns deutlich auf Englisch (!) klar macht, dass es nun ohne Allrad nicht mehr weiter geht. 

Wir haben das Gefühl, dass wir diesen Menschen schon kennen: In einem YouTube-Video, dass wir uns vor einem halben Jahr zuhause angesehen haben, berichtete ein österreichisches Pärchen, unterwegs mit eine Allrad-Sprinter, an der gleichen Stelle von einem einheimischen Chemie-Lehrer angesprochen worden zu sein, der anbot, sie für 100 $ sicher über die Flussarme zu lotsen. Sie konnten ihn dann auf 20 $ herunter handeln und waren sich nicht sicher, ob sie nicht hereingelegt worden waren.

Jedenfalls bietet er uns (ohne Geldforderung) an, uns zu zeigen, auf welcher Strecke wir weiter kommen können. Dazu müssten wir weit nach Süden und um den Achit See herum fahren, denn dort gäbe es eine Brücke. Was bleibt uns übrig? Champ ist nun mal kein Allrader. Er fährt vor, wir hinterher. Es geht wieder zurück über Brücke und durch die Furt, dann hält er, zeigt nach Süden auf eine Anhäufung von Bergen und meint, wir müssten zuerst darauf zu halten und dann links vorbei – kann man gar nicht verfehlen! Okay, also los.

An den Bergen sollen wir links vorbei!

Wie immer auf mongolischen Pisten gehen alle paar Meter Pisten ab – einige größer, andere kleiner, und fast alle gehen in Richtung Berge. Wir suchen uns nach Bauchgefühl eine aus, von der wir annehmen, sie führe dorthin, fahren ein paar Kilometer und stehen am Ende vor einem aufgegebenen Jurtenplatz – hier ist Schluss.

Plötzlich steht unser Helfer wieder hinter uns (er muss uns also die ganze Zeit beobachtet haben!) und meint, er würde jetzt so lange vor uns her fahren, bis wir sicher auf der richtigen Piste wären. Haben wir eine Wahl? Nein! Er brettert in mongolischem Tempo los, wir versuchen tapfer dran zu bleiben, wobei uns Champ schon leid tut. Schließlich hält er an einem großen Platz, auf dem bereits eine andere mongolische Großfamilie wartet. Unser Helfer meint, mit denen sei er verabredet, ein gemeinsames Sommercamp abzuhalten, hierher müsse er wieder zurück. Plötzlich taucht ein weiteres Touristenauto auf, ein russisches Pärchen, von einer anderen mongolischen Familie hierher gelotst. Nun kommt auch eine Geldforderung, mit 50000 T (also 12 €) allerdings doch erheblich bescheidener als im YouTube-Video. Als er dann noch erklärt, wir Europäer wären ja wohlhabender als die Russen und die Lotsendienste auch für die gleich im Preis mit enthalten, da hält es uns nicht mehr und wir konfrontieren ihn mit unserem Verdacht. Er gibt daraufhin auch lächelnd zu, dass er das bei den Österreichern war, aber er würde ja nur ahnungslosen Touristen helfen wollen. Die hätten ja auch ein dickes Auto gehabt und in unserem Falle würde er auch ordentlich Sprit verfahren. Außerdem sei er nicht Chemie- sondern Englischlehrer und außerdem Rektor der örtlichen Highschool – sozusagen ein Zubrot während der Sommerferien?  Das mit dem Spritverbrauch stimmt allerdings und so wechseln 50000 T den Besitzer und die beiden Russen bedanken sich überschwänglich.

In der Mitte unser Helfer und Schulleiter, links unser russischer „Pistenkollege“

Unser Lotse steigt ein und nun brettern wir zu Dritt durch die mongolische Steppe. Nach etlichen Kilometern hält er wieder an und meint, wir müssten nun nur noch geradeaus fahren, an den Bergen vorbei und wenn rechts drei Häuser auftauchen, dann sollten wir rechts auf die große Piste abbiegen, die dann zur großen Brücke führt. Dann grinst er und ernennt uns zu „Führern“ für unsere russischen Begleiter, winkt nochmal und weg ist er.

Also „führen“ wir nun, bis nach einiger Zeit eine Weggabelung auftaucht, kurz vor einem ausgetrockneten Flussbett – links oder rechts? Weshalb entscheidet man sich in so einem Fall fast immer falsch? Wir wählen rechts und stehen wenige Kilometer später an einem kleinen „Abgrund“ – hier geht es definitiv nicht weiter. Unsere russischen Begleiter in ihrem kleinen Honda-Bus sind nahe daran, zu verzweifeln: „Bad, bad road, car breaks down!“ Es dauert nun etwas, bis wir die beiden überzeugen, gemeinsam zur Weggabelung zurückzufahren – schließlich sind wir ja nun einmal zu „Führern“ ernannt worden und hier draußen ist es immer besser, nicht allein unterwegs zu sein. Also zurück und die andere Piste genommen. Die ist zwar wieder einmal hundsmiserabel, aber wir kommen nicht nur heil durch das Flussbett und an den Bergen vorbei, es tauchen auch schließlich die drei Häuser auf und auch meine Kathrin hat uns in der Navigation wieder gefunden. Unsere Russen sind ganz aus dem Häuschen, kurbeln das Fenster runter, strahlen und rufen immer wieder „Doma! Doma!“ also „Haus! Haus!“

Die große Piste, auf die wir nun einbiegen, entpuppt sich als die A07 und 1 1/2 Stunden nach der „Entlassung“ durch unseren Helfer erreichen wir die lang ersehnte Brücke. Wir folgen nun der A07 weiter. Sie führt südlich um den Achit Nuur herum, dann wieder einmal über ein Gebirge und dann leuchtet rund 50 km vor Ölgii und damit auch 50 km vor Erreichen des Asphalts die Reserveleuchte auf – Gelände und Umwege fordern ihren Tribut und seit Ulaangom gab es keine Tankstelle mehr!

Die Reserveleuchte brennt und unsere Russen übernehmen die Führung

Die letzten 35 km fahren wir in dem wunderschönen Tal des Khovd Gol, haben aber dafür leider im Moment nicht den richtigen Blick – der klebt nur auf der Tankanzeige! Wenigstens haben die Russen versprochen, bei uns zu bleiben und gegebenenfalls zu helfen. Um 17.45 Uhr erreichen wir zuerst den Asphalt und 500 m später die Tankstelle. Echt: Russen und Deutsche fallen sich in die Arme – das ist doch mal wieder Völkerverständigung! Wir tanken 53,58 Liter…wohlgemerkt: In den Tank passen 55 Liter!!!

Mini Einschub: Itgel hat uns bei der Übergabe versichert, die hinten angebrachten Reservekanister würden wir nie brauchen, denn Champ hätte einen groooßen Tank!

Hier trennen sich nun unsere Wege: Die beiden Russen wollen morgen über die Grenze und nach Irkutsk, ihrem Zuhause. Wir hingegen wollen von nun an nach Süden und unser heutiges Ziel (auf gutem Asphalt!) liegt eine Stunde entfernt. Der Tolbo Nuur ist touristisch gut erschlossen und so müssen wir zum ersten Mal 3000 T Eintritt zum Strand zahlen.

Wir stehen auf 2080 m Höhe, genießen unser Einlaufbier um 19.30 Uhr und unsere Abend-Hauptmahlzeit besteht aus „Schnittchen“- niemand hat jetzt noch Lust, irgendetwas zu kochen!  

Schnittchen-Dinner

Am nächsten Tag geht es auf fantastischer Straße, der AH4, über den Buran Pass auf 2600 m Höhe.

Entlang schneebedeckter Berge und mit einer tollen Fernsicht geht es eine halbe Stunde später auf den Kashaat Pass, mit 2560 m nur geringfügig kleiner,

und schon kurz darauf, also gegen 13 Uhr erreichen wir Khovd und das Fairfield West Hostel, der Tipp dazu kam übrigens tatsächlich von Park-4-Night! Die Cafeteria ist am Sonntag zwar geschlossen, aber wir haben Glück und erwischen Marvin, den amerikanischen Chef aus Oregon, der gerade im Begriff war zu gehen. Er lässt uns über das hintere Tor ein, wir dürfen uns hinstellen, wo wir wollen. Es gibt nagelneue Sanitäranlagen, eine neue Waschmaschine…Herz, was willst du mehr? Hier machen wir ein paar Tage Pause!

Abends laufen wir zu Fuß in die Stadt (5 Minuten!), können vor einem Restaurant in einer Art Veranda mit Fliegenschutz sitzen und genießen Khumshuur (fritierte Teigtaschen) mit Kimchi, dazu ein Altan Gobi Bier und sind wieder mit der Welt versöhnt.